Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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Bereitwilligkeit). — Im vierten Bild geht
ihm angesichts der wunderbaren Brotver-
mehrung die Erkenntnis der Gottheit
Jesu auf, uni den granitenen Grund zu
bilden für sein Glaubensleben, wie für
sein Apostolat. Im fünften Bild reist
die Erkenntnis heran, daß das Judentum
lind sein Tempel in den Staub sinken
werde, daß aber die Stiftung Jesu,
„dessen Worte nicht vergehen werden",
mit ihrer Frohbotschast des Heils an ihre
Stelle zu treten habe (Zukunstsaufgabe
seines Apostolats), während das sechste
Bild die glorreiche Besiegelung seines
apostolischen Lebens in einem glaubens-
starken Martyrium darstellt.

Geheil wir gitr Betrachtung der Bilder
selbst über: Die Szenen folgen sich in
der Weise, daß je drei Bilder auf jeder
Seite des Chores angebracht wurden. Ent-
sprechend der Freskomalerei sind sie —
ich möchte sageil — gobelinartig, mehr
breit, flächenhaft behandelt. Jiil allge-
nleiiieil sind die Szenen möglichst einfach
gewählt; ans überflüssiges Beiwerk ist
verzichtet. Die Farben sind durchweg
weich getöiit, vorwiegend gräulich ilild gelb-
lich. — Die Gewnndbehandlung ist, wie
wir dies bei den Fugelschen Bilderil fast
durchweg sehen, antik, ohne in archäologisch
kleinliche Ausführung zu verfallen. Da-
iilit hat der Meister zweifellos das Rich-
tige getroffen: weder die Gebhardsche,
lloch die Uhdesche Art der Gewandbe-
handlung ist innerlich berechtigt. Wir
habeil es ja mit Geschichte zu tun, die
mm freilich ihrem Inhalt liach ins
Ueberzeitliche sich erhebt. Die Koloristik
erscheilit, weliigstelis bem Laien, manch-
mal etwas gesucht und gekünstelt. Die
Bilder sind nebeneinander entworfen. Nur
durch die Dienste (getrennt, gehen die land-
schaftlichen Hintergründe zwar nicht inein-
ander über, fdglieffeu sich aber leicht und un-
gezwungen aneinander an. (Forts, folgt.)

Vom modernen Kirchenban in
Spanien.

Die Kirche der SagradaFamilia
zu Barcelona.

Von Fritz Mielert, Sprottau.

Seit bem Jahre 1882 ist im Norden
von Barcelona eine eigenartige Kirche im

Bau, welche der heiligen Familie geweiht
werden soll. In der Hauptsache ist das
bis jetzt Entstandene das Werk des D. A.
Gaude, des hervorragendsten Architekten
Barcelonas. Es ist eiri durchweg gran-
dioser Bau, der viel Widerspruch hervor-
ruft durch seine sonderbaren Stilver-
schiedenheiten und Stilverbinduugen, aber
auch rückhaltlos Bewllnderung erregt durch
seine Großartigkeit sowie durch die Vir-
tuosität und Originalität in der Aiuven-
dullg der Stilformen.

Fertiggestellt ist bis jetzt die Westfront,
die Südseite und ein Teil des Chorab-
schlnsses. Der östliche Teil mit dem Chore
ist rein gotisch. Bewundernswert ist die
Schönheit der großen Fenster im untern
Geschoß der Kirche rmd die der zierlichen
erkerartigen Fenster des zweiten Geschosses
der Südseite ririd des Chores. Nach
Westen hiil schließt sich ein tnrmartiger
Ausbau an, der durch die wendeltreppeu-
artige Anlage der Fenster nusfällt. An
diesen Bauteil schließt sich die impouie-
reude Westfrout selbst. Der mittlere Teil
der letzteren ist ein riesiges gotisches Fenster,
dessen Oeffuung im oberstell Teil durch
eine herrliche Fensterrose, darunter zwei
Spitzbogenfenster mit Maßwerk, und im
ulitersten Teil durch Trisorien (Galerien)
ausgefüllt ist. Unter biefent mächtigen
Fenster buchtet sich die Vertiefung für
das Sängerchor unb die Orgel ein, dar-
unter erblicken wir die Oeffnung des
zweiteiligen Mittelportals. Jll vier Ge-
schossen der Westfront sind Trisoriell all-
gelegt, die sich deil bewegtell Kurven der
lebensvollen Banglieder alischmiegen und
eili besonders auffallelides Charakteristikum
der Westwand bilden. Reizend sind auch
die fast an maurische Art erinnernden
Trisoriell an den Seitenteilen der West-
wand, etwas abgeschlllackt dagegen die in
beu Winkeln angebrachten Balkone, von
denen auf jeder Seite fünf übereinander
sich befinden.

Wie eili Blick auf die Abbildung schon
dartut, sind Gotik, romanischer und mau-
rischer Stil sowie moderne Auffassung
bunt, aber in einer im allgemeinen nicht
abzustreitenden geschickten Art zu einem
originellen Ganzen zusammengeschlossen.
Ein abschließendes Urteil über das Innere
wie allch das Aeußere läßt sich erst füllen.
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