Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

Seite: 82
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tout werden. Zweifellos liegt dies in
dein starken religiösen Interesse, das er
bereits für den Herrn gewonnen hat, in
der witteilsamen Freude über die Er-
kenntnis Jesu als des so sehnsuchtsvoll
erwarteten und erbeteten Messias, in der
Sorge für das Seelenheil seines Bruders
Petrus und iu dem Staunen über die
bedeutungsvollen Worte Jesu. Wie viel
liegt in dieser Szene auch vom Stand-
punkt der Seelengeschichte des hl. An-
dreas, was tiefergehende Betrachtung
und religiöse Empfindung unschwer her-
ansznholen vermag!

Konnte beim vorigen Bild mit vollem
Recht hervorgehoben werden, daß vom
Künstler die Bedeutung des Momentes
glücklich ersaßt und entsprechend zur Dar-
stellung gebracht wurde, so scheint dies beim
zweiten Bild nicht in gleich vollendeter
Weise hervorzntreten; jedenfalls kommt
nicht voll zur Geltung, was im Texte liegt.

In einer grünlichgelben — etwas aus-
gebrannten — Hügellandschaft steht Jesus
im weißen Gewände. Zu ihm führt An-
dreas seinen Bruder Petrus hin. Wäh-
rend nun Jesus mit glücklich gewählter
bedeutungsvoller Geste die weittragenden
Worte spricht: „Vvn nun an sollst du
Kephas heißen", verbeugt sich Petrus in
ungelenker Armbewegnng etwas nichts-
sagend vor dem Herrn. Schön ist hier
unstreitig der hl. Andreas, eine edle Män-
nerfigur. Nur die Haltung Petri wollte
den Referenten nicht recht befriedigen.

Die zwei Banmgrnppen rechts schließen
räumlich wirkungsvoll und die Szene
belebend gut ab.

3. Das dritte Bild: Andreas
und P e t r n s werde n z n A p ostel n
berufen. Zu Grunde gelegt ist die
Stelle: Lnk. 5, 11.

Eine goldig verglastende Abeudland-
schaft! In der Ferne türmen sich graue
Berge ans, die den See Genesareth um-
schließen. Weit draußen ans dem See
ein Segelschifflein. Im Vordergrund
der Szene kommen Petrus und Andreas
vom Schiffe ans ihrem Fischerberufe nach.
Am User aber wandelt der Herr, eine er-
haben aufgefaßte Figur, im langen,
wallenden weißen Gewände. Er winkt
den beiden und spricht zu ihnen: „Folget
mir nach! Von nun an sollst du

Menschenfischer sein." Petrus folgt dem
Rufe sofort und eilt bereitwillig dem
Herrn entgegen. Auch Andreas, der
Bedächtigere, schickt sich an, das Schiff-
lein und sein Gewerbe zu verlassen, Jesus
nachzufolgen und als Menschenfischer ihm
zu dienen. — Wieder eine tiefeinschneidende
Wendung m der Seelen- und Lebens -
geschichte des hl. Andreas, zweifellos voll
von Bedenken, von inneren Ueberwin-
dungeu und Siegen. Wieder ist es diese
verschleierte Art der Koloristik, die uns
hier entgcgentritl, und der getupfte Far-
benauftrag. Ob der vom Künstler ver-
wendete, manchmal fremdartig anmntende
Wechsel von Lichtern, bald rötlichbrann,
bald gelblich, bald grünlich, richtig moti-
viert ist, vermag ich nicht zu sagen. Jeden-
falls wirkt das Ganze, von einer bestimmten
Ferne gesehen, sehr gut zusammen.

(Schluß folgt.)

Deutsche Ruustausstellung Baden-
Waden t9l0.

Besprochen von Prof. Or. Rohr, Straßburg.

Wir haben in Nr. 6 und 7 des „Archivs
für christliche Kunst" vom vorigen Jahr-
gang die „Deutsche Kunstansstellnug in
Baden-Baden" besprochen und dabei auch
die Eröffnung eines eigenen Knnstansstel-
lungsgebändes und die an dies Ereignis
sich knüpfenden Hoffnungen ideeller und
materieller Natur registriert uud letztere
auf ihre Berechtigung zu prüfen gesucht.
Das Ergebnis dieser Prüfung mar kein
sehr günstiges. So freudig wir die Jöee
begrüßten, den in der Arena des öffent-
lichen Lebens oder persönlichen Ringens
Ermatteten am Ort der Erholung die
Möglichkeit inniger Fühlungnahme mit
der deutschen Kunst zu bieten, so skeptisch
standen wir den Erwartungen eines großen
materiellen Erfolges gegenüber. Die
Gründe dieses Skeptizismus lägen in den
sehr realen Attraktionen, die in Baden-
Baden mit den idealen Bestrebungen in
Konkurrenz treten.

Der geschäftliche Abschluß der ersten
Saison seit Eröffnung der Ausstellung
schien unsere Vermutungen Lügen zu
strafen, denn der Gesamterlös für die
verkauften Kunstwerke war ca. 80 000
Mark, und die Summe wurde im Fan-
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