Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

Seite: 83
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farenlon bekannt gegeben. Verdient sie
es wirklich? Die ganze Ausstellung um-
faßte 447 Nummern. Bedenkt man, daß
ans der heurigen das nachher zu be-
sprechende Werk - von Oberländer, „Der
verlorene Sohn", nicht viel über 2000
Mark kostete, berechnet mau danach den
ungefähren Wert der 447 Nummern und
vergleicht damit den bereits genannten
Gesamterlös, so ist der Abschluß kein be-
sonders glänzender. Der Grund ist ein
sehr naheliegender. Wer die Mittel hat,
Kunstwerke zu kaufen, der tut das schwer-
lich in Baden-Baden, sondern sucht ein
Kunstzentrum auf; und umgekehrt: wer
nach Baden-Baden geht, der denkt dabei
schwerlich in erster Linie an Kunstkänfe.
Dagegen verdient der ideale Zweck der
Veranstaltung allerdings volle Anerken-
nung. In einem Luxusbad bekommt
das Leben und Treiben einen stark
materialistischen Zug. Mau kaun es des-
halb nur freudig begrüßen, wenn ihm
die Kunst wieder eine mehr ideale Rich-
tung gibt. Sie kann dies allerdings nur,
wenn sie selber eine ideale Richtung hat
und dekadente Allüren meidet.

Seit Beginn der Saison weht wieder-
um die gelb-rot-gelbe und die schwarz-
weiß-rote Flagge rechts von: Eingang
der Lichtentaler Allee und sie lenken die
Blicke der Passanten ans den Kunsttempel
hin, dessen Treppe sie flankieren. Zun:
zweitenmal sind die Räume geschmückt
mit Werken der Graphik, Plastik und
Malerei. Der Rahmen zu denselben hat
insofern eine kleine Veränderung erfahren,
als der Stofsbezug der Wände die neutrale
Naturfarbe mit einem schlichten, aber wir-
knngsvollen Dessin in Rot vertauscht hat.
Die Stimmung ist dadurch freundlicher
und wärnier geworden und die Bilder-
rahmen heben sich kräftiger ab als früher.

Die Beschickung ist eine wesentlich
stärkere als im vorigen Jahr. Die Aus-
stellung weist insgesamt 519 Nummern
auf. Dazu kommen noch 57 Nummern
der Souderausstellnng: „Abteilung älterer
Kunst."

In einem Organ für christliche Kunst
steht das Interesse für deren spezielles
Gebiet selbstverständlich obenan. Leider
wird es wenig befriedigt. Unter den
576 Nummern sind es kaum ein halbes

Dutzend, deren Gegenstand hier in Frage
kommen kann. Und da nun das Knnst-
ausstellnngsgebäude vor allein der süd-
deutschen Kunst ein Heim eröffnen wollte,
und faktisch auch vom Elsaß, Schwaben -
imb Bayernland beschickt wurde, also ein
weites katholisches Gebiet als Hinter-
land hat, so ist dieselbe betrübende Tat-
sache zu konstatieren wie im Vorjahr,
daß zünftige Kunst und Kirche sich gegen-
seitig fast völlig fremd zu werden scheinen.
Wir haben ja allerdings eine Reihe von
Organen für christliche Kunst und sie
wissen fast in jeder Nummer von Neu-
schöpfungen zu berichten. Insbesondere
„Die christliche Kunst", das Organ der
„Deutschen Gesellschaft für christliche
Kunst", bringt fort und fort Kunde von
erfreulichen Leistungen der Gegenwart.
Aber für den Draußenstehenden, nament-
lich den Kenner der Kunst früherer Jahr-
hunderte, muß es doch befremdlich er-
scheinen, wenn der Kunstzweig ans Aus-
stellungen fast völlig verschwindet, der
vordem das künstlerische Schaffen fast
ausschließlich beschäftigte. Unsere kirch-
liche Kunst kann sich getrost neben ihrer
weltlichen Schwester sehen lassen. Warum
soll sie es nicht? Sie ist ja freilich nicht
aus Parade berechnet und arbeitet in den
nreisten Fälleir aus Bestellung, ist also
auch nicht auf die Ausstellungen angewiesen.
Aber ob nicht doch das eine oder andere
Bild, das ohne Bestellung gemalt rvnrde,
einen Abnehmer ans einer Ausstellung
fände? Wenn vor kurzen: der Inhaber
eines hohen Amtes nach Erledigung der
Antrittsbesuche in einem sehr weitverzweig-
ten, aber fast vollständig katholikenfreien
Bernsskreise konstatieren konnte, er habe
selten ein Empfangszimmer betreten, in
welchen: sich nicht eii: Marienbild gesunden
hätte, so erscheint das Gebiet der kirch-
lichen Kunst doch nicht so brotlos. Ich
glaube, wir schulden es unseren: Ansehen
nach außen, daß mir hier unser Licht
nicht unter den Scheffel stellen.

Nun nimmt freilich in der christlichen
Kunstübung unserer Zeit die Wandmalerei
einen bedeutenden Raun: ein, entzieht sich
aber eben damit der Möglichkeit, aus Aus-
stellungen zu erscheinen. Allein, könnte
man dann nicht wenigstens den einen
oder andern Karton oder eine Farben
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