Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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skizze weiteren Kreisen zugänglich machen?
Wenn gerade die Badener Ausstellung
eine „Studie" von Feuerbach aus dein
Jahre 1854 aufgegriffen und neben seine
ausgeführten Werke gestellt hat, warum
sollte dies bei anderen nicht möglich sein?
Ist ja doch auch von den beiden Werken
u. Uhdes in Baden-Baden eines nur ein
Entwurf.

Und nun zu den ausgestellten Werken
selber. Im Erdgeschoß sind die graphischen
Künste und die Mehrzahl der plastischen
Werke untergebracht. Hier ist zu neunen
eine „Eva" von Binz (Karlsruhes, und
namentlich eine hübsche Gruppe „St. Georg"
mit bem Drachen kämpfend. Dieselbe
(Bronze), sehr bewegt, wie es die Szene
fordert, aber doch noch innerhalb der
Grenzen des Erlaubten bleibend, würde
jedem Salon zur Zierde gereichen. Für eine
Kirche oder Kapelle wäre sie zu klein.
„Susanna" von Epple (Karlsruhes ist, als
weiblicher Akt genommen, eine tüchtige
Arbeit. Auch ist das züchtige Bemühen
Susannas, sich ihren Drängern zu ent-
ziehen, trefflich zum Ausdruck gebracht,
ohne daß die Versucher selber wiederge-
gebeu wären. Völlig einwandfrei und in
jeden Raum passend ist der „Christus-
tops" von Otto Feist (Karlsruhe) (Nr. 97).
Trotz der breiten, auf das sorgfältige
Heraustttftelu der einzelnen Formen ver-
zichtenden Behandlung, oder vielleicht
gerade wegen derselben ist die Wirkung
eine wuchtige. Der leidende Blick, die
lechzenden Lippen, die drückende Dornen-
krone werden auf keinen Beschauer ihre
Wirkung verfehlen. Einem Matador der
„Fliegenden Blätter" auch einmal auf
religiösem Gebiet zu begegnen, ist ein
Ereignis, und in diesem Fall ein sehr
erfreuliches. „Der verlorene Sohrr" von
Oberländer (Nr. 322) mit dem schroffen
Gegensatz zwischen dem Elend des Hirten
und dem Behagen der ihnr anvertrauten
Schweineherde, der Klarheit der Auord-
riuug und der Sorgfalt der Durchführung
zeigt Qualitäten, die sofort auffallen
mußten und dem Bilde schon bald nach
Eröffnung der Ausstellung einen Käufer
geworben haben. Sie wecken jedoch auch
wehmütige Gedanken. Es war und ist
ja immer eine Freude, wenn die „Fliegen-
den" einen „Oberländer" bringen, und

das „Oberländeralbum" freut heute noch
kleine und große Kinder. Ob der Künstler
der Welt nicht Bedeutungsvolleres zu
künden gehabt hätte? Wer die Himmels-
gabe zum Heldentenor bekommen hat, den
will man nicht in: Tingeltangel hören,
und wer die Tragik der Sünde so er-
schütternd zu schildern weiß, von bem
möchte man sich Inhaltsschwereres wüu-
scheu, als Blätter „aus beut Zeichenheft
des kleinen Moritz".

Wird der Nanre v. Uhde in einem
Ausstellungskatalog genannt, so darf er
des lebhaftesten Interesses sicher sein.
Man ist auf Ueberraschungen gefaßt.
In den ersten Jahren, nachdem der
Künstler den Degen mit dem Pinsel ver-
tauscht hatte, waren es Ueberraschuugen
von weniger angenehmer Art, und gerade
das „Archiv für christliche Kunst" hat
dem Entsetzen darüber einen sehr leb-
haften Ausdruck gegeben. Tempora
mutantur, et pictores mutantur m
illis; v. Uhde hat seine Wandlungen
durchgemacht. Er sucht für seine Ge-
stalten nicht mehr gerade die häßlichsten
Modelle heraus, bläst in seine Szenen
die Luft nicht mehr in der Dicke von
Nebelschwaden hinein, hat in seiner Garde-
robe neben dem Bettler- und Bauern-
kittel auch bem antiken und schließlich dem
idealen Gewand ein Plätzchen eingeräumt
und so sich im Laufe von zwei Dezennien
schließlich doch eine Kunstübuug zurecht-
frisiert, daß man ihr Achtung zollen muß.
In Baden-Baden ist er nur mit einem
Bilde vertreten, und auch dieses ist nur
ein „Entwurf", nämlich zu „Hauueles
Himmelfahrt von Gerhart Hauptmauu,
letzte Szene" (Nr. 481). Auch wer
Hauptmanns Werk nicht kennt, wird an-
genehm berührt sein von der Art, wie
Haunele vom Heiland an der Hand geführt,
von den Engeln mit Gesang begrüßt,
von himmlischem Lichte umflutet wird,
imb er kann sich den Hergang denken
uub ausgestallen. Auch die Technik ver-
dient alle Anerkennung. Ein „Entwurf"
kann ja verschiedenes nur andeuten, aber
der Gesamteindruck ist ein harmonischer
und ergreifender. Und er wird auch
nicht durch die Typen gestört, die v. Uhde
als Modelle wählte. Früher besaß er
ein besonderes Geschick in der Entdeckung
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