Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

Seite: 85
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und Wiedergabe des Häßlichen und er-
weckte durch feine Gestalten bei den Be-
schauern den Eindruck, als wären sie
unter die Verbrecher in einem Bagno
geraten. Es ist nun freilich immer noch
ein Unterschied zwischen v. Ulides Engeln
und denen von Raffael, Rubens oder
einem der Nazarener; aber gegenüber
ihren Brüdern aus früheren Jahren
bedeuten sie doch eine energische Wendung
zunl „Schönen".

Den Schluß mag das große Bild
„Moses schlägt Wasser ans dem Felsen"
von Eduard v. Gebhardt machen, der
„mit persönlichem Empfinden altdeutsche
Kunst des 15. Jahrhunderts hernns-
beschwört". Er ist heute der beliebteste
protestantische Kirchenmaler. Seine Bilder
aus der heiligen Geschichte sind ein künst-
lerisches Ereignis — und zugleich ein per-
sönliches Erlebnis. Er steht ans streng-
gläubigem Standpunkt, stellt die Szenen
dar, als spielten sie sich im Zeitalter der
Reformation ab und füllt sie mit „aufs
tiefste bewegten, bis aufs äußerste an-
gespannten Charakterköpfen". Eines der
lehrreichsten Beispiele ist sein „Moses",
ein ungemein figurenreiches Gemälde;
im Hintergrund entrollt sich ein Wüsten-
bild mit dem Zeltlager der Israeliten,
im Vordergrund wogt eine lechzende,
flehende, drängende Menge an Moses
heran, in dessen Angesicht der Zweifel
geschrieben steht, ob es ihm noch einmal
gelingen würde, bem verworfenen Ge-
schlechts Wasser ans dem Felsen zu
schlagen. Es ist ungemein lehrreich,
jeden einzelnen von den vielen Köpfen
sich genauer anzusehen: jeder ein Charakter-
kopf, bei jedem der Affekt aufs höchste
gesteigert, jeder peinlich sorgfältig dnrch-
geführt, und mancher ein alter Bekannter
ans andern Gebhardt-Werken. Damit ist
die Stärke und die Schwäche des Bildes
angegeben: Naturwahrheit, Gemütstiefe,
peinlich sorgfältige Ausführung, aber auch
ein allzu peinliches Detaillieren. So sieht
eine einzelne Gestalt im höchsten Affekt
ans. Aber so wirkt nicht eine Menge
einzelner Gestalten im höchsten Affekt,
sondern so präsentiert sie sich, wenn sie
wie in einem lebenden Bilde Stellung
und Gesichtsausdruck beizubehalten sucht,
bis der Beschauer jede einzelne Gestalt

genau angesehen hat — und das ist ein
Unding. Von hier aus wird es begreif-
lich, warum der Impressionismus nur den
Eindruck festznhalten sucht, welchen die
Dinge beim ersten Blick auf uns machen
und warum er so verschwommen wirkt.
Rur ist bei v. Gebhardts Bildern nicht
zu vergessen, daß dieselben unter bem Ein-
fluß seiner großen Wandmalereien, iuie
z. B. in der Düsseldorfer Friedenskirche,
stehen, wo die Gestalten auch ans die
Ferne wirken unb insbesondere für Jahr-
hunderte Stoff zur Betrachtung bieten
sollen. Mißlich ist dann allerdings, daß
ein Tafelbild behandelt wird wie ein großes
Wand- oder Deckengemälde. Anderseits
ist aber doch wieder zuviel behauptet, wenn
nian sagte, v. Gebhardts Skizzen und
Vorstudien ivürden in jeder Sezessions-
ausstellung zugelassen; wenn er dieselben
dagegen zu einem Massenbild verarbeite,
so sei er kein Künstler nrehr, sondern
höchstens noch ein „guter Zeichenlehrer".

Die Ausstellung in Baden birgt dann
noch eine Reihe von Darstellungen kirch-
licher Vorgänge, wie „Kirchgang" von
Schultz-Wettel, Kühl „Kommunikanten",
Leidel „Ein kirchlicher Festtag", oder
Kircheninterienrs wie Hnth „In der Kirche
zu Amorbach", durchweg anerkennenswerte
Leistungen, wenngleich innerhalb derselben
deutliche Wertnnterschiede zu machen sind.

Besonders interessant ist die Sonder-
ausstellnng: „Abteilung älterer Kunst".
Es ist eine ganz andere Welt, in die man
eingeführt wird beim Betreten von Saal
IV. Böcklin ist vertreten mit Werken
ans der Mitte des vorigen Jahrhunderts,
Canon mit solchen der siebziger Jahre,
ebenso H. v. Habermann, Leibl, Max
Liebermann, Gabriel v. Max; sogar von
Spitzweg findet sich ein Bild. Daß Größen
wie Wilhelm Trübner, Hans Thoma und
Anselm Friedrich Fenerbach nicht fehlen,
versteht sich bei ihrer Bedeutung für Baden
von selbst. Interessant ist es, an zivei
Werken Fenerbachs zu sehen, wie enge
sich Kunst und Leben berühren. Nr. 15
(„Weiblicher Stndieukopf") ist nichts
anderes, als Nana, der Stern von
Fenerbachs Kunst unb der Unstern für
Feuerbachs Leben. In dem Bilde „Am
Meer" ist sie die Verkörperung des Seh-
nens und Tränmens, das der Blick aus
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