Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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die Wellen weckt; zur Iphigenie (Gemälde-
gnlerie Stuttgart), §uu „Medea" (Pina-
kothek, München), znm „Mutterglück"
(Galerie Schack, München) und zu einer
der Frauen der Pietü (ebenda) hat sie
Modell gestanden, ohne daß der Künstler
seiner Vorlage viel hinzuzusügen brauchte.
Nicht nlinder lehrreich ist ein Blick aus
Thomas' Bilder (Nr. 463 — 469) in
den übrigen Ausstellungsräumen und den
Werken in Saal IV. Von allen, die
ausstellten, ist sich keiner so gleich und
getreu geblieben wie er. Auch unter-
scheidet sich in der Behandlung der Land-
schaft kaum einer so scharf von den „Mo-
derneil" wie er, und doch hat er sich
gleichzeitig mit den Modernen erst durch-
gesetzt, ein drastischer Kommentar zu dein
„Axiom", daß es „nur eiu e Knust"gebe.

Der fliegende Mönch von Schüssen-
ried.

In den „Illustrierten Aeronautischen
Mitteilungen, Deutsche Zeitschrift für Luft-
schiffahrt", herausgegeben von Hermann
W. L. Mödebeck, XIII. Jahrg., 11. Heft,
veröffentlicht B. Wilhelm 3. J. (Feldkirch)
eineil Aussatz über „Schweikart und Mohr,
zivei schwäbische Flieger aus alter Zeit".
In der heutigen Zeit der Luftschiffe und
Aeroplaiie dürfte es voll Interesse sein,
auch in unserem „Archiv" das Wesentliche
weiligstens über Mohr zil erfahren.

lieber Mohr, „den fliegenden Mönch
von Schussenried", fand der Verfasser
obengeiiannter Arbeit die erste Notiz in
dem 1784 veröffentlichten Büchlein Meer-
weins „Die Kunst zu fliegen nach Art
der Vögel", worin berichtet ist über Flug-
versuche „in Lvildon, in Paris, vorzüg-
lich aber in Schußried am Federsee".
Voll letztereiu Orl habe ihm, sagt Meer-
wein, ein Freund berichtet: „Zu Schuß-
ried, Prämonstratenser-Ordens, >var ein
Pater, der zwei Stundeil weit bis aus
eille zunr Kloster gehörige Pfarrei) flog.
Die Maschine, die in Riemen läuft und
mit Füßen muß getreten rverderi, ist wirk-
lich noch in der Bibliolhek aufbehalten zu
sehen." Außerdenl erfuhr Meerwein, „daß
in gedachtem Kloster ein Gemälde sepn
solle, welches den fliegenden Pater mit
seiner Flugmaschine darstelle; und daß er.

wenn er habe durch die Luft reisen wollen,
mit der Maschine in den Thurin hinauf-
gestiegen sei ulld zum Schalloch hinaus
sich ans die Reise begeben habe".

Die „Schuffenriedische Haus-Chronik"
von: Jahr 1760 (vergl. die Artikel von
Stadtpiarrer Rlleß in Fridingen in den
„Hist.-pol. Blätteril", Bd. 1l7, S. 666 sf.
nnb 830 ff.) bringt ziemlich genaue An-
gaben über diesen P. Kaspar Mohr, ge-
boren zu Busenberg, OA. Waldsee. Amts-
richter a. D. Beck gibt voll ihm in seiner
Festschrift „Zum siebenhundertjährigen
Jubiläum des Prämonstratenser-Reichs-
stifts Schussenried", Stllttgart 1883, fol-
geilde Charakteristik: „P. Mohr war einer
der berühmtesten Männer, die je aus bem
Kloster Schussenried hervorgegangen sind
und eine Art Uliiversalgenie. Bereits
Prior, ging er 1610 nach Rom, um die
Theologie nochmals an der Quelle zil
hören ulld sich den Doktorhut zu erwerben,
was 1614 geschah. Nach seiner Heimkehr
von Ronl wurde er alsbald wieder Prior
und machte sich mit aller Macht ans
Studium. Er war llicht bloß ein aus-
gezeichneter Theologe; auch sonst kam ihiil
nichts zu hoch vor; er war in allen
mechanischen nnb freien Künsten zu Hanse,
ein eminenter Mathematiker; ebenso war
er eill trefflicher Orgailist, ohile jemals
einen Lehrmeister gehabt zu haben; nament-
lich kam ihiil iin Choralschlageil keiner
gleich; er hatte auch eiu großes Orgel-
werk von selbst für den Konvent gefertigt;
des weitereil lvar er ein Bildhauer,
Maler, Schreiner, Schlosser und Kunst-
drechsler. Er verfertigte auch ein über-
aus kunstvolles, iil seiner Art einziges
Uhrwerk. Besonders gab er sich mit
-Mechanik ab; so habe er sich selbst Flügel
alls mit Treibschnüren zusammengebun-
denen Gansfederu gefertigt, sich in der
Kunst des Fliegens insgeheim derart ge-
übt, daß er willens war, voiil oberen
drei Stockwerk hohen Dornlitorium in
den Konventsgarteu hinunterzufliegen,
was ihni aber auf seineil heiligen Gehor-
sam oerboten sowie auch der Flugapparat
ihiil abgenommen wurde. Er war liichts,
als ein Gelehrter, den ganzen Tag, die
Tageszeiten und die heilige Messe aus-
genommen, über seinen Büchern, Planen
und Instrumenten, das Orakel im Stifte."
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