Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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Kirche in Altenstadt und das Annaaltär-
chen in der nördlichen Seitenkapelle der
Stadtpfarrkirche in Horb nebeneinander, so
hat man ebensoviele Belege für erfolg-
reiches Streben verschiedener Kunstwerk-
stätteu nach Ausdehnung der Stileinheit
anch auf das figurale Gebiet.

Vollen Beifall verdient die Fassung.
Die Steinfarbe, die man eine Zeitlang
der Holzarchitektnr des Altares gab, und
die im Widerspruch mit dein Material
steht, ist mit Recht beiseite gelassen und
jene kräftigen Farben sind gewählt, die
öas späte Mittelalter liebte nno die
der figuralen Füllung und reicheil Ver-
golduiig einen kräftigen und zugleich
ruhigen Rahmen bilden. Auch hier ist
also die alte Tradition in ihrem guten
Recht belassen wordeii, und die Wirkung
ist eine treffliche. Dieselbe ist aber noch
durch einen ündern Umstand mitbedingt:
der ganze Chor ist zu einer Farbensym-
phonie zusammengestimmt: das großan-
gelegte Chorgestühl ist in jenenl kräf-
tigen Graublau gehalten, das heute in
der Möbelbrauche wieder viel angewendet
wird. Der gemalte Teppich an den frei-
bleibenden Mauerflächen zeigt ein ähn-
liches Kolorit. In diesem ruhigen Milieu
hebt sich das Rotbraun der Mensa uird
die kräftige Farbe des Altarrahmens
scharf ab und Dient seinerseits dem Gold,
Silber und den bunten Farben an den
Figuren und im Rankenwerk als Folie.

Cill Mißstand ist allerdings noch zu
rügen, koiilmt aber nicht auf das Konto des
Bildhauers allein itiiö tritt auf der beige-
gebeilen Photographie nicht recht zutage.
Hier hebt sich der ganze Altar und nament-
lich anch das feine Rankenwerk der obern
Partien mit dem Gekreuzigten, Maria
und Johamres trefflich ab von der ruhigen
Rückwand. Anders ist dies am jetzigen,
definitiven Standort. Das mittlere Feld
der Chorwand hat ein hübsches gemaltes
Fenster mit figuralem Schmuck, der an
sich als durcharis gelungen bezeichnet
werden muß, aber hier nicht angebracht
ist: die Figuren des Fensters und die
Figuren das Altaraufsatzes machen sich
ui ihrer Wirkung Konkurrenz, und der
Effekt ist Unruhe. Eui ruhig gemustertes
Fenster hätte diese schlinime Nebenwirkung
vermieden, oder, wenn es nun einmal

der Harmonie mit den andern zuliebe
figürlichen Schmuck bekommen mußte, so
hätte er in Beziehung zum Kruzifixus in
der Altarbekröunug gesetzt lverden nlüssen.
Derselbe Fehler ist allerdings schon
dntzeudmal und vielleicht noch öfter ge-
macht, aber fetten erkannt worden, ist
also milder zu beurteilen, als er es an
sich verdiente.

Von andrer, sehr geschätzter Seite
wurde beanstandet, daß der Tabernakel
in zwei Etagen zerfällt, die liicht orga-
nisch uliteinander verbunden sind, und
daß er viel beherrschender hervortreten
würde, ivenn er vo,l der Mensa an einheit-
lich anfgebaiit und breiter angelegt wäre.
Die Bedenken sind liicht ganz ilnberechtigt,
treffen aber nicht nur den Altar von
Winzeln, sondern noch viele andere, uub
legen die Erwägung nahe, ob es sich
liicht empfehlen würde, eiiuiuU die An-
lage des Tabernakels nach den Forde-
riiiigen der Rubriken, der derzeitigen
Bedürfnisse uno der Vorlagen aus srühereu
Zeiten erschöpfend zu behandeln und bei
letzterem Piinkle nicht nur oie in natura
noch vorhandenen, sondern ailch die mir
in effigie erhaltenen Werke aus früherer
Zeit und andern Gegenden zu berück-
sichtigen.

Es waren verhältnismäßig wenige
Ausstellungen, zu denen der neue Altar
Anlaß gab. Einzelne treffen nicht den
Bildhauer allein, unb bei andern stand
er unter dein Druck bzw. Einfluß der
Tradition oder des Laudesbrauchs. Aber
es war notwendig, sie einmal an einem
konkreten Beispiel in ihrer Wirkung zu
schildern. Sie sind leicht zu meiden.
Dem Ruf der Firma Zeller u. Geisel-
hardt tun sie keinen großen Eintrag und
durch den Altar in Winzeln hat dieselbe
sich von neuem anfs beste empfohlen.
Es darf noch angefügt werden, daß anch
die minutiöse Kleinarbeit, welche das
Rankenwerk erforderte, mit peinlichster
Sorgfalt gefertigt winde. Der unbedingt
notwendigen Schonung bei der Reinigung
darf dasselbe sicher sein, da die barm-
herzigen Schwestern diese Mühewaltung
übernommen haben. Die Gemeinde
Winzeln, die weder beim Rohbau der
Kirche noch bei der Ansstatlung derselben
geknausert, ist zu beglückwünschen. Die
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