Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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hält; gekleidet ist der Engel in ein rot-
braunes Gewand, ans welchem mattgräu-
liche Farben spielen.

Die obere Szene aber zeigt Mariä
Krönung. Maria im weißen Gewände
ans der Mondsichel stehend, ein Bild
triumphierender, sieghafter Unschuld und
Jungfräulichkeit, zarter, lieblicher Fröm-
migkeit und gottentflammter Kraft. Sie
hebt das Haupt und den Blick nach oben,
von wo sie die Krone empfängt: Gott

Vater hält zusammen mit dem Sohne
die Krone des Lebens über Maria und
darüber schwebt der hl. Geist in Gestalt
einer weißen Taube, im goldenen Strah-
lenglanz, der die Gnadensülle bedeutet.

Die Szene, die dein Bildcharakter ent-
sprechend streng symmetrisch komponiert
ist, ist links und rechts flankiert von zwei
Engelpaaren, die ans leichten Wölkchen
knien oder sitzen und Zither oder Mando-
line spielen, singen mit) beten.

Die Gewänder von Gott Vater, Gott
Sohn und Maria sind in der bekannten
Fugelschen Art breit und flächig behan-
delt : Maria blendendweiß; Gott Vater
in silberweißem Haare mit brännlichrotein
Gewände, von bem indes nur der Aermel
sichtbar ist, und mit einem mattgelben
weiten Mantel. — Jesus ist dargestellt
mit nacktem Obeikörper, ans welchenr die
Seitenwnnde sichtbar ist, gekleidet ist er
in einen bläulichen Mantel I, aus welchen
gelbliche Töne aufgesetzt sind.

Die koloristischen Schwierigkeiten dieser
Bilder waren nicht gering, insbesondere
der Uebergang von dem abendlichen Lieht
der Erde znm Licht der himmlischen Glorie.
Der Ri erst er verstand es, die Farben-
gebung des Bildes ebenso wie die land-
schaftliche Ausstattung ganz den übrigen
Fresken des Andreaszyklns' anzupassen.

Stelleir rvir den garrzerr Zyklus in die
Gesamtreihe der neuzeitlichen katholischen
Kirchenkunst ein, so gebührt ihm hierin
eirr ganz hervorragender Platz: sie be-
derrteu eirr ganz eigenartiges ltnb mit

') Ta dieser sonst (aus symbolischen Gründen!)
Maria zukommt, während Jesus als der „Kelter-
treter" (torcular calcavi solus) das rote Ge-
wand (Passion!) trägt (gleichfalls aus symbo-
lischen Gründen!), wäre es vielleicht ooch wün-
schenswert gewesen, wenn der Meister daran
festgehalten und sich für die Wahl der roten
Farbe entschlossen hätte.

persönlich-individueller Note charakte-
ristisch bervortretendes Kunstschaffen, zrr
denr sich Professor Fugel mit unablässigem
Eifer und vielerlei Studien dnrchgearbeitet
hat. Wir machen die Worte, die Dr. Al.
W u r m über diese Bilder niederschrieb,
zu den unsrigen: „Hier ward ein Werk
der christlichen Kunst geschaffen, von dem
uian nicht mit dem grimmigen Gefühl
schied, daß nach zehn Jahren der ganze
Plunder wertlos geworden sei; ein Werk,
in dem noch späte Generationen eine
würoige Repräsentation der kirchlichen
Kunst ails dem Anfang des 20. Jahr-
hunderts sehen werden. Ich möchte hin-
zufügen: das beste Werk Fugels, nilch die
Gebhardgemälde nicht ausgenommen. Denn
über die frische, doch im alten Nahmen
wirkende Kraft jener Bilder hinaus geht
die künstlerische Reife dieser sechs auf die
beideil Cholwäude verteilten Szeneit aus
dem Leben des hl. Andreas. Sie sind
voll einer neuen und einheitlich durch-
gehaltenen Kunstanffassung getragen. Sie
wirken groß und befreiend, weil sie als
Gesaultheit wirken. Man niag verschie-
dene Details aufzeigetl, die zur Kritik
ausfordern. Aber das gibt hier keines-
ivegs ben Ansschlag. Die Gesamtwir-
kung ist alles, tlnd die ist hier lvie eine
tnilde, aber intensive Macht, die das Herz
des Beschauers mit freudiger Wärme,
lichter Sonnigkeit und besänftigender Ele-
gie erfüllt, all das in der durch den
Gegenstand gegebenen religiösen Ver-
kläritttg. Man nmß nur diese sanft me-
lodisch entwickelten Farbstimmungen, diese
lnild gebrochene Kraft des Lichtes ilnb
das Verdämmern der Luft, diese Einfach-
heit der linearen Züge vor allem in den
landschaftlichen Hintergründen, aber auch
in den Figuren, die Zurückhaltung aller
Heftigkeit in der Komposition wie einen
ruhigen Stronl in sich hiueinivirkeu lassen,
um die ganze Schönheit und Eigenart
dieses Werkes, seine alle Gefühle der
religiösen Hingabe, des treuen Aushaltens
bei dem Meister, des freudigen Marly-
riums erweckende Kraft in sich ju ver-
spüren. Begründet aber sind alle diese
Wirkungen in einer künstlerischen Ans-
fassnng des Wandbildes. Durch sie waren
die jedes einzelne Bild beherrschenden ein-
fachen Farbtöne, war der Verzicht ans
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