Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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man eine verschiedene Praxis, indem das
Bild des Herzens Jesu wie das Bild des
Herzens Mariä bald ans der Evangelien-
seite, bald ans der Epistelseite anfgestellt
ist. Offenbar spielen bei den verschiedenen
Arten der Aufstellung verschiedene Ge-
danken durcheinander: jetzt läßt man sich
leiten von der Erwägung, daß die Evan-
gelienseite rechts vom Gekreuzigten die
Ehrenseite sei, und ein andermal ist
man beherrscht von der Vorstellung, daß
das Herz-Jesn-Bild auf die Mäunerseite
gehöre, wodurch dann im einzelnen Fall
der Platz für das Bild des Herzens Mariä
von selbst gegeben ist. So unscheinbar
die Sache sein mag, so verwickelt wird
sie, sobald man ihr ans den Grund geht
und dabei die Frage prüft, ans welche
Seite überhaupt der Marienaltar gehöre
(vgl. auch Kreusev: „Der christliche Kirchen-
bau" I S. 165 ff.).

Vorläufig möchte ich befürworten, daß
im Chor die Bilder des Herzens Jesn
auf der Evaugelienseite, die Bilder des
Herzens Mariä auf der Epistelseite ihren
Platz erhalten sollen.

Bilder der Immaculata erfreuen sich
allenthalben großer Beliebtheit und weisen
fast überall den bekannten Typus ans.
Ich habe inich in früheren Aufsätzen hier-
über verbreitet und will Gesagtes nicht
wiederholen. Dagegen dürfte eine Dar-
stellung, ans welcher unlängst inein Auge
geruht, hier wohl eine besondere Er-
wähnung verdienen. In der Kirche zu
Marlenheim, welche dem hl. Richardis
geweiht ist, erscheint Maria ans einem
Geinälde als Jungfrau ans der Erdkugel
stehend: über ihr der hl. Geist, zur Seite,
jubelnde Engelchöre.

II.

Noch eine Wahrnehmung!

Wenn man verschiedene Museen be-
sichtigt, kann man bildliche Darstellungen
von gar verschiedenen Heiligen treffen,
von solchen, die uns bekannt sind, und von
solchen, welche wir kaum dem Namen
nach kennen. In unseren Kirchen sind
bisweilen wenige Heilige vertreten, und
nicht selten hat man den Eindruck, als
ob zwischen einst und jetzt ein großer
Unterschied bestehe.

Wäre nicht öfters eine gewisse Mannig-

faltigkeit, ein gewisser Individualismus
aus diesem Gebiete berechtigt? Sollte
man nicht einer größeren Anzahl von
Heiligen Wohnnngsrecht in unseren Kir-
chen einräumen? Ich verhehle mir nicht,
die Sache ist etwas delikater Natur, allein
richtig beurteilt sollte sie zu keinen Be-
denken Anlaß geben.

III.

1. In einem alten Buche fand ich einen
Bruderschastszetiel, gedruckt in Maria-
Einsiedeln von Jos. Thom. Kälin 183..
Derselbe zeigt in seiner Mitte das Bild
der Immaculata und ist überschrieben:
„Goldene Stunde". Letztere besteht nach
der Ausführung des Zettels in einem
stündigen Gebet, so jährlich den achten
Tag des Christmonats am Feste der un-
befleckten Empfängnis Mariens verrichtet
wird. Die Andacht hat die Benennung
von der seligsten Jungfrau selbst, welche
der hl. Brigitta sagte: „Die Stunde, in
welcher ich bin empfangen worden, kann
wohl die goldene Slnnde genannt werden,
weil in solcher das Heil der Menschen
seinen Anfang nahm." (Offenbarung der
hl. Brigitta 6. Buch.) -'!

Die Goldene Messe mit ihren je sieben
Kollekten, Sekreten und Komplenden
(Postkommunionen) nimmt hauptsächlich
Bezug auf die Menschwerdung Christi
(vgl. Beissel : „Geschichte der Verehrung
Mariens in Deutschland während des
Mittelalters" S. 323 ff.).

2. Von bRstora bona wußte Nr. 12
des „Archivs für christl. Kunst" vom
Jahre 1902 zu berichten. Hier eine Er-
gänzung.

Im Schäfertal, Gemeinde Sulzmatt im
Oberelsaß, liegt ans einem von Wal-
dungen umgebenen Wiesengrnnd eine
Wallsahrtskapelle im spätgotischen Stil,
1511 zur Ehre Mariä, der HC Mutter
Anna, der Märtyrin Barbara und aller
Heiligen Gottes neu geweiht. An der
nördlichen Mauer dieses Heiligtums ist
nun ein Oelgemälde von 1719/ Maria
als Schäferin darstellend, angebracht,
unter welchem verschiedene Reime stehen.
Die letzten lauten:

„Maria die gnete Schäfferin
Wird auch sein dein Helferin,

Dann (denn) Jesus ihr Sohn der gnete Hirt,
Seiner Mutter' nichts abschlagen wird."
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