Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

Seite: 97
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In Nr. 11 des genannten Jahrgangs
vom „Archiv für christl. Kunst" wird
unter anderem die Symbolik des Haseu
besprochen und im Zusammenhang bamit
auch die echt christliche Legende vom Schutz-
bedürftigen, welchen Gott durch Maria
rettet. Diese Legende hat eine besondere
Färbung erhalten in einer Sage, welche
sich au, die Wolfs- oder Geißenkapelle bei
Jnneuheinl im tluterelsaß knüpft. „Ein
Geißlein weidete vor vielen Jahren auf
dem Glöckelsberg bei bent Dorfe Jnnen-
heim. Da kam plötzlich ein Wolf die
Höhe herab auf es zugeranutz allein das
Geißleiu hatte ihn noch zeitig genug erblickt
und flüchtete sich hinter die Türe der nahe-
gelegeneu offeufteheudeu Kapelle. Der
Wolf stürzte ihn: mit wilder Gier nach;
da er aber an ihm vorübergerast war,
dein Altar zu, so sprang das kluge Tier
hurtig hinter seinem Verstecke hervor und
riß ruit feinerr Hörnern die Türe hinter
sich zu, so daß der Wolf gefangen und
nachher von den herbeigeeilten Bauern
totgeschlagen wurde." — Die gedachte
Kapelle ist der schmerzhaften Mnttergolles
geweiht.

Lin neuer Lbristustrp?

Von Stadlpfarrer 17r. Ehr hart, Heidenheim.

Nicht bloß die Theologie, auch die
Kunst hat nun ihr Christusproblem. Wir
verstehen darunter die bildliche oder plastische
Darstellung der Person Christi in der
Kunst. Die Tradition, Glaube und Fröm-
migkeit vieler Jahrhunderte, das Genie
der großen Malerfürsten haben einen
Christustyp geschaffen, der durch fein Alter-
ehrwürdig, durch die Kirche sanktioniert
ist, und der, soweit menschliches Können
es zu erreichen vermag, deru hohen Bilde
und Ideale des Gotlmenschen anr besten
entsprechen dürfte. Die rnoderne Kunst
rüttelt mehr und inehr an der Tradition
und rnöchte den überlieferten Typ ver-
lassen. Umwertung der Werte! Der
Subjektivismus, der in der neueren Knust
so viel Altes und Bewährtes gestürzt und
fort und fort tastet und sucht, wagt sich
auch an das Heiligste. Die Frage ist
von solcher Wichtigkeit, daß ihr von ver-
schiedener Seite schon Beachtung geschenkt
worden, und daß es angezeigt erscheint,

ihr auch in diesen Blättern, wo sie früher
schon gestreift worden (I. 1910 Nr. 2),
näher zu treten.

Ein authentisches Bild von Christus
besitzen wir nicht. Das Abgarbild, das
Veronikabild, Bilder Christi, geschnitzt von
Nikodernus, sind in das Reich frommer
Sage zu verweisen (vergl. hierüber F. X.
Kraus, Real-Enzykl. II. 7 ff.). Die älteste
Kirche hatte ihren besonderen Christustyp.
In den Katakonrbendarstellungen des guten
Hirten erscheint Christus regelruäßig bart-
los und in jugendlicher Gestalt, als Sinn-
bild seiner nie alternden, ewigen Gött-
lichkeit. Sein Antlitz trägt „den antiken
Schnitt, große schön geformte Augen,
gerade Nase, volle Lippen, schöne Wölbung
des Hauptes". Ganz anders präsentiert
sich Christi Bild wieder in der byzanti-
nischen, frühmittelalterlichen und roma-
nischen Malerei — ernst und streng, eine
aszelische Büßergestalt. Der heutige Typus
ist im wesentlichen die Schöpfung der
großen italienischen Malerschuleu aus der
Zeit der Reuaissauce. Abweichungen und
Alliancen verschiedenster Art haben sich
inöes auch, nachdem ein fester Typ ge-
wonnen war, die Künstler zu jeder Zeit
gestattet. So gibt es eine Menge von
Varianten der Christusdarstellungen in
allen Kunstepocheu und in allen Schulen,
selbst in der Schule desselben Meisters.
Gerade die Malerfürsten wollten sich bei
Darstellung des heiligsten unb erhabensten
Gegenstandes, der die Kräfte zu inrmer
neuen Versuchen reizt und gerade in seiner
unerreichbaren göttlichen Größe eine Un-
zahl von Darstellungsmöglichkeiten in sich
schließt, au eine feste und unabänderliche
Norm nicht binden lassen. Wie rnannig-
faltig und teilweise grundverschieden sind
z. B. die Christusbilder von Leonardo
und dann die von A. Dürer! So ver-
schieden aber in der Auffassung Christus
uns bei ihnen entgegentritt, es ist immer
der über alles Menschliche weit hinaus-
rageude Gottessohn, hinter bem in Wahr-
heit allein „alles Gemeine in wesenlosem
Scheine liegt" und der auch als Mann
der Schrnerzen, ohne Gestalt und Schöne
das Göttlich-Große seiner Natur nicht
verliert.

Ist dies auch in der modernen Malerei
so? Man wird diese Frage nicht all-
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