Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

Seite: 98
DOI Heft: 10.11588/diglit.16250.61
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16250.65
DOI Seite: 10.11588/diglit.16250#0120
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1910/0120
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
98

gemein bejahen dürfen. Ein scharfes
Urteil fällt Max Fürst, wenn er schreibt:
„Alle modernen Versuche, von: alten
Christustyp abznweichen, haben bisher
wenig erfreuliche Erfolge gezeitigt; nur
zu häufig sind in der neueren Kunst
Christi Gesichtszüge in einer Form ge-
geben, die entweder einen schwächlichen,
kränkelnden oder einen phantastischen, von
theatralischen Mienen nicht freien Mann
bekunden" („Hist.-polit. Blätt." Nr. 144b
S. 448). Caravaggio nannte einst einen
seiner Malerkollegen wegen seiner an-
stößigen Darstellungen den Antichristen
der Malerei. „Antichristen in der
Malerei" gibt es heutzutage mehr als
einen; es sind dies alle jene großen und
kleinen Meister, die bei ihren Christus-
darstellnngen mit Absicht das Göttliche
ignorieren und verwischen und das rein
Menschliche einseitig und oft in abstoßen-
der Weise betonen.

Es märe sicher ein verfehlter Stand-
punkt, wollte man kirchlicherseits bem
Künstler jede Bewegungsfreiheit nehmen,
ihn auf einen bestimmten Typ festbannen.
A. Kuhn wird allgemeiner Zustimmung
sicher sein dürfen, wenn er in seinen
„Modernen Kunst- und Stilsragen" ge-
wissermaßen programmatisch sich äußert:
„Die Neuzeit ist dem Typischen, All-
gemeinen, überwiegend Identischen
abhold und fordert eine entschiedene An-
nähernng an das Leben und die Wirk-
lichkeit und darnrn in allem rndivi-
duelle, ausdrucksvolle, charak-
t e r i st r s ch e Z ü g e. Das kann ein
L e b e n s e l e in e n t echter und hoher
Kunst werden und sein. Wenn ein-
mal die Voraussetzungen gegeben sind,
daß etwas Neues kommen muß, daß ein
neuer Stil, eine neue Kunst sich Bahn
brechen wird, dann ist es aussichtslos,
töricht, sie abweisen und der Entwicklung
in die Speichen fallen zu wollen" (S. 12).
Individualisieren! ja, aber so, daß die
eigentliche Individualität des Dargestell-
ten möglichst getreu zum Ausdruck kommt,
nicht aber zerstört wird. Charakterisieren!
ja, aber so, daß der Charakter der dar-
gestellten Person in möglichster Reinheit
in Erscheinung tritt, nicht aber einseitig
verzerrt und seines besten Gehaltes be-
raubt wird.

Vielleicht komnrt später Cornelius wieder
mehr zu Ehren, der mahnte, weniger ans
das Individuelle als auf das Schöne zu
sehen. Individualisieren und charakteri-
sieren ist übrigens das Erfordernis jeder
wahren Kunst, und alle großen Künstler
haben es getan, und die Künstler sollen
es auch heute tun. Jedoch im rechten
Maß und in den richtigen Grenzen! Dem
Christusbilde aber das Ideale nehmen
wollen, das wäre Zerstörung seines Charak-
ters und seiner Persönlichkeit. Christus
als Vollkommenster und Reinster, der über
die Erde hingegaugen, Christus als Gottes-
sohn ist Jdealgestalt, Idealisieren
i m h ö ch st e n S i u n ist d a r n m, b e i
ihm realisieren, die Wirklich keit
d arstelleu. In Christus ist Gott
uns erschienen. Gott ist aber die
Liebe, d i e K r a f t u n d S t ä r k e, die
Weisheit und Heiligkeit. Wer
all dies ins Chr istusbild am
r e insten und vollsten zu legen
vermag, w i r d der b e st e C h r i st u s-
maler sein. Nach dem hl. Hiero-
nymus leuchtete auf Christi Antlitz ein
„fulgor" und eine maiestas divinitatis
occultae (lib. I. Com. in Matth, c. 9).
Aehnlich spricht sich der hl. Chrysostomus
aus. Beruhen auch solche Aeußeruugen
wohl mehr auf subjektiver Annahme als
ans einer sicheren Tradition, so dürfen wir
ihnen doch wohl Glauben schenken, da
bei Christus etwas vom göttlichen Strahlen-
schein auch durch die körperliche Hülle
hindurchgebrochen ist. Geistvoll und inter-
essant äußert sich zu dieser Frage auch der
Rembrandt-Dentsche, von dem neuesteus
wieder mehr gesprochen wird. Er schreibt:
„Die Majestät des Geistes will ihr Recht,
und wird es ihr nicht zuteil, so bleibt sie
eben unsichtbar, Es ist falsch, Christus
in der Auffassung von Strauß oder Renan
zu malen; es ist sogar falsch, ihn in der
Auffassung des durch die moderne Wissen-
schaft kritisch gesichteten Neuen Testamentes
zu malen; es ist allein richtig, ihn
in derjenigen Gestalt zu malen,
welche sich aus der Lutherischen
Bibelübersetzung und katholisch-
kirchlichen Tradition heraus- und
in die deutsche Volksseele hinein-
projiziert hat. Der Volksglaube
ist hier maßgebend. Und dies Bild
loading ...