Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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ist .. . ein hehres, vornehmes, grau -
dioses; ein Christusbild, welchein letztere
Eigenschaften fehlen, bleibt darum trotz
aller etwa sonst vorhandenen Vorzüge un-
wahr und verfehlt. Diejenigen Maler
verstehen ihren künstlerischen Vorteil schlecht,
welche einen Christus malen, nachdein er
das wissenschaftliche Scherbengericht von
heute passiert hat." Dieser Ansicht dürften
alle beitreten, welchen Christus noch etwas
mehr ist, als nur „der Weise von Nazareth".

Welchen Sturm der Entrüstung auch
bei gläubigen Protestanten haben seiner-
zeit die religiösen Bilder und Christus-
darstellnngen hervorgernfen von FritzUhde!
Er war der erste kühne Neuerer, der erste,
der einen modernen Christustyp im Sinne
des Realismus schaffen wollte, über sein
Vorbild Rembrandt hinausgehend. Man
hat sich allmählich an Uhde als religiösen
Maler gewöhnt, und das erste, vielleicht
zu scharfe Verdammungsurteil ist fast voll-
ständig verstummt. Die hohen künstle-
rischen Qualitäten seiner Bilder, die nicht
zu bestreiten sind, haben das Urteil ge-
mildert. Ja, Uhde wurde mit Ed. v. Geb-
hardt zum Maler des neuen Protestan-
tismus proklamiert. „Was haben mir
Größeres, Geistigeres, Lichtherrlicheres als
die Christusgeschichte von Uhde? So
wird er religiöser Maler, ein Reforinator
neuprotestantischer Kunst. Rembrandt hat
die biblische Kunst als eine Gegenwarts-
kunst behandelt, geschaut und erlebt. Und
Uhde als erster moderner Mensch kann
nur inalen, was er selbst erlebt. . . . Da,
in Dachau geht er durch die Dorfstraße,
sieht den Pfarrer, wie er zu den Kindern
gut ist, er sieht ihn in der Schule. Eines
der größten Bilder aller Zeiten — nach
religiösem Gehalt und malerischem Wert
— ist erschaut: Lasset die Kindlein zu
mir kommen" (Pfarrer D. David Koch
in einem Vortrag im Göthebund zu Stutt-
gart, Nov. 1909). Dies ist das Urteil
eines Panegyrikers. Andere haben anders
geurteilt. So hat A. Böcklin, der große
Maler, sich niit diesen Uhdeschen
Christusbildern nicht befreunden
können. Sie waren ihm zu weich
und zu gefühlsselig. Hat dieser
Christus von F. Uhde gerade auf dem
so sehr gerühmten Bilde nicht etwas
Schwächliches, Kränkelndes; erinnert er

nicht unwillkürlich an den frömmelnden
Pietisten! Und haben diese Christus-
darstellitngen F. Uhdes nicht alle mehr oder
weniger „das wissenschaftliche Scherben-
gericht von heute passiert"!

Es ist weniger der Christus, wie er
im christlich-gläubigen Volke lebt, als der
Christus eines Strauß oder Renan. Es
ist nicht derjenige, von dem Petrus be-
kennt: „Du bist Christus, der Sohn des
lebendigen Gottes", sondern es ist der,
von dem Renan sagt: „Tous les

siecles proclameront, qu’entre les
fils des hommes il n’en est pas
ne de plus grand que Jesus." Die
Entwicklung ist über Uhde inzwischen teil-
weise erheblich hinansgegangen. Ihren
Tiefpunkt dürfte sie in L. Corinth er-
reicht haben. Sein Christus ist ein Pro-
dukt von abstoßendstein Realismus, eine
Blasphemie, nicht eine himmlische Gestalt
ans den Evangelien, sondern eher eine
Gestalt ans Gorkis Nachtasyl. Es ist
nicht das einzige Bild in seiner Art.
Gauguins Geburt Christi ist etwas Aehn-
liches, eine Herabwürdigung des Heiligen.
Von solcher Christusmalerei kann man
sich nur mit Entrüstung abwenden.

Viel machte von sich reden der nor-
dische Maler Fahrenkrog mit seinem
Bilde: Christus predigend. Ein eigen-
artiges, phantastisches, von allem Her-
kömmlichen abweichendes Bild. Sein
Christus ist bartlos, kurzgeschoren, hager,
mit stechenden Glntangen. die Rechte in
energischer Geste ausstreckend. Es ist
das Bild eines Fanatikers; nichts von
göttlicher Ruhe und Milde, nichts von Hoheit
und Majestät, sondern etwas Herrisches, Ge-
walttätiges, Abstoßendes spichl ans diesem
Christus. Fahrenkrog verteidigte sich
gegen seine Kritiker in eingehender Er-
klärung und Begründung seines neuen
Christnstyps. „Einen Jesus hat meine
Seele gestaltet und ihm eine Form ge-
geben nach meinem Willen. Ja, ich habe
ihn gebildet ohne Eurer zu gedenken.
Denn das war es ja nicht, daß ich um
eine gütige Zustimmung geizig war, son-
dern das mar es, daß meine Seele sich
über ihre Ufer ergießen und gebären mußte.
Wer aber wollte mir sagen: „Was machst
du?" Habe ich es nicht Recht: zu

schaffen, was mir die Seele gebietet?
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