Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

Seite: 100
DOI Heft: 10.11588/diglit.16250.61
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16250.65
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16250.66
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16250.67
DOI Seite: 10.11588/diglit.16250#0122
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1910/0122
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
Oder wäret ihr meine Auftraggeber, und
nicht meine Seele? . . . Ihr aber kennt
ihn nicht, wenn ihr ihn nicht schaut, wie
ich. Und wenn eure Seele noch immer
jene weiche, althergebrachte Larve sucht,
gewiß, sie wird sie nicht finden.... Was
aber meine Seele bedingte, liegt in der
Zeit, die ihr ureigenster Ausdruck ist
und ihres Wesens Symbol sucht, und
vielen, die in der Zeit stehen, wird dieser
Jesus bekannt erscheinen, wie seit lange
scholl" (Nord und Süd, Juli 1908).
„Liegt in der Zeit", d. h. wohl in der
Zeit der liegativen Bibelkritik und der
Christnslengnnng. „Weiche, altherge-
brachte Larve." Wollte man über Fah-
renkrogs vielumstrittene Neuschöpfung des
Christustyps ebenso hart und ungerecht
urteilen, was würde von ihr noch
bleiben? Und doch bleibt sie nicht, sie
wird bald vergessen sein, keine Schule
machen. Der gläubige Siim des Volkes
ivill einen solchen Christus nicht und wird
ihn stets znrückweisen. (Schluß folgt.)

Literatur.

Ravennatische Studien. Beiträge zur
Geschichte der späten Antike von Hails
Dntschke. Leipzig (Engelmann) 1909.
— X und 387 S. Preis geh. 12 M.,
geb. 13,50 M.

Die Sarkophage von Ravenna sind in neuerer
Zeit wiederholt Gegenstand der wissenschaftlichen
Bearbeitung geworden, sei es, daß man ihnen in den
allgemeinen Kunstdarstellüngen ein erhöhtes In-
teresse entgegenbrachte, wie dies z. B. bei Garucci,
Venturi der Fall ist, sei es, daß man ihnen eine
monographische Behandlung angedeihen ließ,
wie es durch C. Gold mann (Die ravenna-
tischen Sarkophage. Straßbnrg 1906) geschah.

Wenn S p b e l s Darstellung noch beherrscht
ist von dem Gedanken, daß christliche und
antike Kunst Gegensätze seien, so präzisiert der
Verfasser der oben genannten Schrift seinen Stand-
punkt dahin, daß er zwar den inhaltlichen
Gegensatz zugibt, den formal künstlerischen aber
leugnet. H. D ü t s ch k e macht seinerseits den Ver-
such, die Formensprache der Werke der Spätzeit
unter dem Gesichtspunkt der geschichtlichen Ent-
wicklung zu untersuchen unter Einschränkung auf
die plastischen Ueberreste der Kunst Ravennas.

Der Verfasser wird seiner Aufgabe gerecht
mit einer methodischen Korrektheit, die nichts zu
wünschen übrig läßt, und einer Vollständigkeit,
die dem heutigen Stande der archäologischen
Forschung entspricht. In einem ersten Teil
bietet er einen Katalog der raoennatischen Sarko-
phage. Für jeoen Sarkophag werden die Größen-
verhältnisse angegeben, die Literatur verzeichnet,

100 —

die darüber erschien, die literarischen Nachrichten
gesammelt, welche auf ihn Bezug haben. So
finden wir hier eine Zusaminenstellung der Sarko-
phage des Mausoleums der Galla Placidia, von
San Vitale, der Kathedrale, des palazzo arci-
vescovile, des Museo nazionale, der Kirche
S. Agata, S. Francesco, S. Giovanni Battista,
S. Vittore, S- Maria in porto fuori, S. Apol-
linare in Clässe und der Sarkophage vor Porta
nuova.

Der z w e i t e T e i l bietet die eigentlichen Ergeb-
nisse nach der sachlichen Seite. Die Themata,
die hier behandelt sind, erwecken an sich schon
das regste Interesse des Archäologen, nämlich
der jugendliche Christus von Ravenna, der als
eine Jdealschöpfung der späten Antike behandelt
wird, die Darstellungen mit dem Hadespalast
und ver Himmelshalle, Elysium und Paradieses-
garten ; es wird der Kindersarkophag des Mu-
seums Nr. 31 in seiner Bedeutung für den Zu-
sammenhang antik-heidnischer und christlicher
Bildnerei behandelt, der heidnische Figurensarko-
phag von S. Vittore, die zwei Säulensarkophage
von San Francesco, die Darstellungen der Ge-
setzes- und Schlüsselübergabe, der Sarkophag
des Exarchen Isaak, der Museumsarkophag Nr. 47,
der Rinaldo- und Pignattasarkophag, die Läm-
mersarkophage, die Laurentiusmosaik im Mauso-
leum der Galla Placidia, der ruarmorarius
Daniel, Ausführungen zur sog. Cathedra des
Maximiuianus.

Weitaus das meiste Interesse dürften die
Ausführungen über den jugendlichen Christus,
Hadespalast und Himmelshalle, Elysium und
Paradiesesgarten, Gesetzes- und Schlüsselübergabe
beanspruchen. Ueberall zeigen sich formale
Einflüsse aus dem antiken Bildwesen. Ich glaube
nicht, daß diese These Dütschkes ernstlich be-
stritten werden kanit. Aber sie lehrt uns auch
ein anderes, nämlich, wie gewagt es ist, aus
solchen reinen Formalitäten auf sachlich-inhcütliche
Beeinflussungen und Uebertragungen int religions-
geschichttichen Sinn zu erkennen.

Das lehrreiche Werk von Dütschke kann
zum Studium der ravennatischen Kunst empfoh-
len werden, wenn ich auch bezüglich einzelner
sachlicher Aufstellungen oder der Formulierung
gewisser theologischer Sätze meine Reserve aus-
gesprochen haben möchte.

Tübingen. L. Baur.

Hiezu eine Kunstbeilage:

F u g e l s ch e Fresken.

Annoncen.

! cTTCager^(T{osa & c fcßaffer j

i cftufckateure und [Kunstmarmoreur
| 'i'Cufpenstr. ¥9 (Stuttgart cCe(eph. 7588 J
l empfehfen sich in Ausführung von oftufdcatur• ♦
1 und [Kunstmarmorarbeiten für [Kirchen und !
; iKape[[en in jeder cftifart. (Renovationen $

♦ werden biffigst berechnet. Gangjähr.Cfarantie. ♦
Rrima (Referenzen zur (Verfügung.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
loading ...