Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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präge sie ausgesprochen tragen, daß aber
dabei nicht zu radikal vorgegangen wird.

Als dritten Grundsatz pflegt der Berater
zu betätigen, daß er auch die verfehlten
Werke der Zeit von 1850— 1880 nicht
ohne weiteres verwirft und abspricht,
sondern anch sie anzupassen und beizn-
behalten sucht salvo meliori, d. h. bis
etwas wiiklich Besseres konnnt und bis
wenigstens die oft hohen Kosten ihrer
Anschaffung verschmerzt und vergessen sind.

Als vierten Grundsatz endlich möchte
der Berater anssprechen, daß er dem
künstlerischen Streben unserer Zeit über-
all, wo es wahrhaft künstlerisch sich zeigt,
nicht abgeneigt, sondern im Gegenteil
gewillt ist, mitzuhelfen an der Entwicklung
und Verwertung, und daß er neue Formen,
neue und eigenartige Darstellungen und
neue Wege begrüßt, wenn sie aufwärts
führen und den Stempel des Charakters
an sich tragen und dem katholischen
Empfinden nicht zuwider sind.

Im folgenden will der Berater ver-
suchen, seine Erfahrungen uitb die Er-
gebnisse seiner Tätigkeit zu beschreiben.
Alles kann er nicht berücksichtigen. Er
geht um etiva 3—4 Jahre zurück und
beschreibt die einzelnen Kirchen nach Stil-
perioden.

Weil in manchen Kirchen aus der oben
genannten puristischen Verschönerunge-
periode neuromanische Altäre sich fanden
und sonst die Kirchen den allgemein
bekannten „Rundbogenstil" der Finanz-
kamnrer zeigten, wurde bei einigen Er-
neuerungen auf diesen Stil zurückgegangen.
Er ist für manche Maler der bequemste,
rveil man in den Vorlagewerken so schöne
Muster und Vorbilder romanischer Deko-
ralionsweise findet. Dieselben werden
fein säuberlich kopiert, in einer farbigen
Skizze znsammengestellt, und ein hübscher
bunter Farbenkasten ist fertig.

Nolens volens hat der Berater einige-
mal solche „romanische" Bemalung zn-
lasseu müssen ; es geschah aber an Orten,
wo nichts zu verderben war. Ans ein
größeres Bauwesen aber möchte er Hin-
weisen, das mit romanischer Ornamentik ge-
ziert wurde, von einem auswärtigen Meister,
und das die Licht- und Schattenseiten
dieser Dekorationsart zeigt. Es ist die
große, von Endes erweiterte Pfarrkirche in

Ertingen, OA. Riedlingen. Der Ge-
samteindruck ist nicht schlecht. Das etwas
auffällige Niesenkrenz an der Decke des
Schiffs tritt nicht so störend hervor, wie
es auf einer dem Knnstvereinsansschuß
vorgelegten Skizze der Fall war. Dagegen
findet sich unter all den Bändern, Bor-
düren, Umrahmungen kein einziges, wirk-
lich originelles Ornament; das Originellste
sind die Stationen und die Galerien bei
denselben. Sonst ist alles in reichster
Weise verwendet. Ans dieser Kirche
wurde eine schöne furnierte Barockkanzel
um 80 M. verkauft und an deren Stelle
ein den Altären entsprechender, in der
großen Kirche aber gar nicht ansehnlicher
neuromanischer Predigtstuhl in Eichenholz
aufgestellt. Unter dem Mobiliar zeigt
gediegenen Charakter nur das Chorgestühl
(von Binder gefertigt) und die Orgel
(nach der Zeichnung von Cades).

Im letzten Jahr wurde die im Ban
ebenfalls stillose Kastenkirche zu Oggels-
beuren anch romanisch bemalt durch
Schmanß u. Pfister. Sowohl in der
Auswahl als in der Ausgestaltung
des ronlanischen Ornaments wurde hie-
bei niehr Originalität entwickelt und
eine stimmungsvolle Umgebung für das
große Deckenbild geschaffen. Das Mo-
biliar der Kirche zeigt hochgolischen
Charakter (in braunem Eichenholz), es
nimmt sich in der romanischen Umgebung
nicht übel aus; entfernt konnte es nicht
werden, da es vor nicht gar langer Zeit
erst angeschafft worden >var.

Eine eigenartige Stellung nimmt die
vor einigen Jahren ansgemalte Kirche
zu Heudorf bei Mengen ein. Das
Ornament zeigt Motive aus ravennatischen
Bauwerken; die figüUiche Malerei zeigt
uns das Erstlingswerk auf kirchlichem
Kunstgebiet von einem einheimischen Künst-
ler (Caspar). Es ist ein in Kompo-
sition, Darstellung und Farbengebung
eigenartiges Bild, das den Chorbogen
umgibt und die triumphierende, leidende
und streitende Kirche darstellt. Das
Urteil darüber ist noch nicht abgeschlossen,
so viel aber kann und darf gesagt werden,
daß es ein Vorwärtsstreben und ein ge-
waltiges Ringen nach einer neuen Art
anzeigt. Es hat Anklänge an Benroner,
aber anch an französische Manier. Wie
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