Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

Seite: 107
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die Szene nach der Breite und Tiefe
ganz ausfüllenden Meuschenmasse tritt die
hingesunkeue Gestalt des ermatteten Heilan-
des in besonders eindringlicher Weise dem
Beschauer entgegen. Der Fall ist — ab-
gesehen von der Schwäche Jesu — noch
motiviert durch den schlechten steinigen
Weg, die Szene wirkt noch grausamer
durch die brutale Art zu zerren und zu
schlagen seitens der Knechte, unerbittlicher
und härter durch die herrische, vorwärts-
drängende Geste des römischen Befehls-
habers, erschütternder durch die erschrockene
mtb verschüchterte Gebärde der entsetzten
Frau, die sich mit ihrem Kindlein hinter
eine Mauerecke geflüchtet hat.

Neunte Station:

All das wiederholt sich beim dritten
und tiefsten Fall Jesu unter bent
Kreuze: nur die Szenerie hat gewechselt:
die Spitze des Znges mit Jesus hat
bereits die Höhe des Kalvarienberges er-
reicht, wohin die beiden Schächer schon
vorausgeführt worden waren. In der
Ferne taucht der Tempelberg ans mit
dem Tempel, von den: der Ranch des
Brandopfers zum Himmel steigt: ein tiefer,
beziehungsreicher theologischer Gedanke,
bem der Meister hier die künstlerische
Form zu leihen verstand.

Elfte Station:

Jesus wird aris Kreuz geheftet:
rvir rnüsserr die Szene in ihrer Gransam-
keit durchkosten. Keirr Maler karin rrns
dies ersparen. Aber Meister Fngel hat
sich znrückgehalten, um das Brutale riicht
unnötig hervortreten und mit seiner ab-
stoßenden Häßlichkeit nicht die edleren
Regungen des Herzens zurückdrängen zu
lasseri. Jrn Hintergründe nehmen die
heiligen drei Personen arr Jesu tiefster
Qual Anteil: Maria gibt, toteriblaß, in
wehmütiger Gebärde ihrem Seelenschmerze
Ausdruck. Maria Magdalena äußert
ihren Schmerz in heftiger Klage. Sie
hat sich zu Boden geworfen, sie hält sich
die Ohren zu, um die dumpfen Hammer-
schläge nicht hören zu uiüssen. Johannes
aber stützt Maria und schaut mit sinnen-
dem Blick auf Jesu Opfertal: es ist, als
wollte er deren Bedeutung voll und ganz
mit seinem Adlerblick durchschauen.

Vor dem am Boden liegenden Jesus

haben sich einige Pharisäer anfgepflanzt,
ihres Sieges sich freuend: sie spotten
seiner und verhöhnen ihn in seiner
Schwäche. Ein widerlicher, schreiender
Pöbel im Hintergründe, nur durch die be-
waffnete römische Macht im Zaum gehalten,
vervollständigt die Gegnerschaft Jesu.

Wenn mir nun ans dieses Werk als
Ganzes znrückblicken, so darf man mit
voller Ueberzengnng sagen: Wir haben
hier einen Kreuzweg vor uns, den man
unter die Perlen moderner kirchlicher
Malerei wird rechnen dürfen. Meister
Fngel hat damit die volle Höhe seines
künstlerischen Könnens erstiegen. Dein
Hirmerschen Verlag aber gebührt Dank,
daß er die großen Opfer ans sich nahm,
dieseir Kreuzweg in solider Farbenrepro-
dnklion weiteren Kreisen zugänglich zu
machen. Wir dürfen den Wunsch ans-
sprechen, daß dieser Kreuzweg recht viele
Abnehmer finden möge:'er wird eine
Zierde und Schmuck für einfache, kleine
Gotteshäuser, Kapellen imb Institute sein.

Spätgotische Wandmalereien in
einer schlesischen Dorfkirche.

Von Fritz Mietert, Sprottau.

In der gotischen Zeit war die Aus-
malung der Kirchen mit Szenen ans der
Heiligen Schrift in Schlesien und, wie es
scheint, vornehinlich im ehemaligen Her-
zogtum Brieg sehr üblich. Wenn auch
die meiften dieser Malereien, von denen
eine Anzahl in den letzten Jahrzehnten
von der Tünche befreit wurden, mit wel-
cher man sie in nachgotischer Zeit bedeckte,
keinen Anspruch ans künstlerische Voll-
endung machen können, so besitzt doch die
große Mehrzahl kunsthistorischen Wert und
setzt gar oft in Staunen durch die Liebe
in der Auffassung imb die Originalität
und weitherzige Freimütigkeit, mit welcher
man die biblischen Motive in jener, heute
oft als „engherzig" verschrienen Zeit der
Gotik darzustellen und nicht selten mit recht
glücklicher Poetik anszugestalten wußte.

Die originellste mtb vollständigste Samm-
lung dieser bisher aufgedeckten Schöpfungen
birgt die jetzt evangelische Pfarrkirche in
Mollwitz (Kreis Brieg), dem durch den
Sieg Friedrichs des Großen bekannten
mittelschlesischen Dorfe. Das sehr Helle
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