Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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unteren Seitenhülften dieser Wand sei im
besonderen hingewiesen. Links findet sich
eine Darstellurrg der Kirche Gottes, in der
üblichen Dreiteilung (triumphierende,
leidende und streitende), und rechts eine
zweiteilige Veranschaulichung der Hölle,
die rurs in ihrer Naivität und Volkstüm-
lichkeit vornehmlich interessiert. Wir sehen
in der ersten Personenreihe die nächste
Wirkung des empfangenen Urteils: Ent-
setzen, Verzweiflung, Raserei, Wut. Dann
sind nrehrere Ursachen der Verdammnis
angeführt (durch Personen mit bezeich-
nenden Attributen rvie Dolche, Spielkarten,
Musikinstrnnlent, Glas mit überschäu-
mendem Getränk usw.). Die zweite Ab-
teilung zeigt die Hölle selbst, über ihr die
Wache haltenden Angen des Höllendrachen.
Auf glühendem Stuhl sitzt Satan, einen
Menschen verschlingend. Unter dein Teufel
sieht man Brenschen im Feuer, vor ihm
fließt ein Strom mit Verdammten. Höllen-
kessel voll Brenschen umgeben den Stuhl;
in der Dritte sieht man das Tier des Ab-
grunds mit Giflbrüsten, Schweineschnauze,
Hörnern, Klauen nrid Löwenschweif. Einem
trunknen Poeten leckt es die Hand mit
feuriger Zunge. Vor denr Tiere sind die
sieben Hanptsünden personifiziert. Eine
Schar Verdamiuter ist von Teufeln be-
gleitet, welche tierische Physiognomien haben.

Eine große Ueberraschnng erwartet den-
jenigen, welcher sich der Brühe unterzieht,
durch den Glockenturm znnr Dachboden
vorzudringen. Hier sieht man die Giebel-
seiten der Kirche mit Bratereien in außer-
ordentlichen Dimensionen (Personen von
zweimaliger Lebensgröße) bedeckt. Die
Malereien sind in ihrem ursprünglichen
Zustande und überraschen durch die Eigen-
art und Vorzüglichkeit ihrer Farben-
gebung ebenso wie durch die prächtige
Anatomie der dargeftellten Körper. Sie
bilden besonders hierin einen Gegensatz
zu beit Malereien im Schiff der Kirche,
ähneln dagegen mehr denjenigen im Chor.
Dargestellt, bezw. erkennbar sind folgende
drei Szenen: Ratschluß Gottes über die
Erschaffung der Menschen, Erschaffung
der Eva und Anbetung durch die Weisen,
erstere beiden auf dem West-, die andere
auf dem Ostgiebel. Sehr originell ist die
Art der Darstellung auf den erstgenannten
meiden Bildern. Die Erschaffung der Eva

versinnbildlicht der Maler wie folgt:
Gott Vater, in einem weiten, dunklen
und mit Sternen besäten Mantel, steht
vor dem schlafenden Adam, aus dessen
Brust ein fleischfarbener Knochen wächst.
Aus dem freien Ende des letzteren wieder-
um bildet sich der Kopf der Eva. Das
zweite Bild, links von dein ersten, zeigt
folgende Darstellung: Gott Vater, in der-
selben Auffassung wie auf dem ersten
Bilde, trägt einen Erdenkloß in der Hand.
Vor ihm stehen Michael und die anderen
Erzengel, zu welchen er spricht: „Lasset
uns Menschen machen." Michael ver-
setzt dein vor ihm befindlichen Satan
einen Stoß und stürzt ihn zur Hölle
hinab. Um Satan herum wimmelt es
von kleinen Teufeln. Leider läßt die
große Dunkelheit des Dachbodens und
die Blaßheit der Malereien eine photo-
graphische Fixierung, selbst durch Blitzlicht
nicht zu. Wie kommen diese Malereien
auf den Dachboden? Da sich auch unter
den Malereien im Schiff der Kirche,
welche einer späteren Zeit als dem 14. Jahr-
hundert entstamnien, Spuren von äl-
teren Malereien vorfinden, die Aehnlich-
keit mit denen im Chor und auf dein
Dachboden besitzen, so steht ziemlich fest,
daß die Kirche ehedem mit durchweg wert-
vollen Malereien ausgeschmückt war. Die
Malereien im Dachboden entgingen der
späteren Uebertüuchung und Uebermalung,
weil aus irgend einem Grunde später in
das Langhaus eine flache Bretterdecke
hineingebaut wurde.

Lin neuer Lhristnstfp?

Von Stadtpfarrer Dr. Ehrhart, Hcidenheim.

(Schluß.)

Es ist ein Zeichen der unverwüstlichen
Lebens- und gewaltigen Anziehungskraft,
die in der Person und im Leben Christi
liegt, daß fast alle Künstler von Ruf sich mit
deren Darstellung befassen. Auch von Max-
Klinge r haben wir mehrere Christusdar-
stellnngen, so die Kreuzigung und Grab-
legung. In beiden Bildern ist Christus
vornehm und edel aufgefaßt; ja der
Chiistus der Grablegung weicht vom her-
gebrachten Typ kaum ab. Dagegen will
uns das Milieu der beiden Darstellungen,
die Umgebung des Heilandes, weniger
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