Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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würdig Vorkommen. Die handelnden
Personen erscheinen uns nicht frei von
Theaterpose.

Die beiden geschätztesten Christnsmaler
auf protestaniischer Seite sind neben F.
v. Uhde der bereits genannte Düsseldorfer
Meister Eduard v. Gebhardt und der
gefeierte Jubilar H. Thoma. Als reli-
giöser Maler geht Thoma fast ganz in
den Fußtapfen A. Dürers, seine besten
Schöpfungen sind eben die, bei denen er
sich an den großen Nürnberger anlehnt,
so ein dornengekröntes Christushaupt und
ein Leichnam Christi, getragen und mit-
leidsvoll beschaut von zwei Engeln. Von
Moderne ist bei beiden tiefwirkenden Bil-
dern nichts zu merken. Weniger an-
sprechend und stark modern ist dagegen
sein Christus im Gespräche mit der Sa-
marilerrn, ähnlich Christus mit Nikodemus.
Besonders der erstere Christus könnte
das Titelbild abgeben für Frenssens
Hilligenlei. Als ein Kraftmensch erscheint
Thomas Christus auf dem Meere wan-
delnd und Petrus ans den Flirten empor-
ziehend. Es ist dieser Christus ein slavischer
Typus mit breiter stark entwickelter Slrrn.
Eine vermittelnde Stellung nimmt Eduard
v. Gebhardt ein. Sein Christus ist
nicht rnodern, auch nicht archaisierend
orientalisch. Er will, wie er selbst es
ausgesprochen, „für den Deutschen deutsch
malen und die biblischen Szenen andentenb
hineinstellen in die deutsche Geschichte des
großen Neformatiouszeitakters". Gebhardt
hält sich so auf der mittlereu Linie und
auch seine Leistungen dürften über die
Mittellinie kaum sich erheben. Daß fein
Christus an Hoheit, Würde, an innerer
Kraft und Schönheit sich mit denjenigen
Dürers und der großen Italiener ent-
fernt nicht meffen kann, wird jedem
Kenner auf ben ersteil Blick klar sein.
Auch Thoma intb Uhde stehen mit man-
cher Christusdarstellung hoch über Geb-
hardt. Jmmerhiil habeil alle diese Ge-
nannten Alistößiges nnb Verletzendes für
das religiöse Gefühl von ihrem Christus
fern gehalten nnb sich bemüht, in ihrer
Weise und in ihrem Glaubeii der einzig-
artigen Person Christi gerecht zu werden.

Das Beste und Edelste aber, was die neuere
Kunst auf diesem Gebiete hervorgebracht, ist
wohl der Christus von Leo S a ni b e r g e r.

Dies Vilb nimmt durch seine tiefe Ans-
fassuiig, feine innere geistige Schönheit
alsbald gefangen. Es ist ein Antlitz,
das göttliches Licht ausstrahlt, über tas
der Zauber einer heiligen Seele und gött-
licher Majestät ausgegosseil ist. Es ist ein
Auge und ein Blick so unergründlich tief,
als ob er in andere Welten schaute; dies
Auge hat die Wahrheit beim Vater ge-
schaut, blickt hinein in alle Geheimnisse der
Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft,
hinein in die Tiefen des Menschenherzens.
Ein göttlich heiliger Erlist ruht ans diesem
Antlitz, wie er auch aus den Reden des
Heilandes spricht, ©inen solchen Christus
versteht nnb liebt man aus den ersten
Blick; denn so trägt der Gläubige Christi
Bild im Herzeli, göttlich groß und schön.
Auch der Christus in den hervorragenden
Stalionsbildern von Fuget zeugt voll
eigenartiger und edler Auffassung.

Welches ist nun das Ergebnis dieser
Untersuchung? Das Urteil von Max
Fürst, das wir oben allgeführt, dürfte
ilu allgelileinen berechtigt sein. Ueber
d e n C h r i st u s d e r in i t t e l a l t e r k i ch e n
Kunst ist die Moderne in keiner
Weis e hin aus ge kommen, im Gegen-
teil ist ihr C h r i st u s ein R ü ck-
schritt, und zwar vielfach solcher Art, daß
man ihm den Eintritt in unsere Kirchen
am besten verwehrt. Ihre besten Lei-
stungen und Schöpfungen aber sind Ent-
lehnnngen oder Weiterbildungen von
Altem. So hat der Christus von Sam-
berger ein Gegenstück in einem Holzschnitt
von Dürer; hier ist Christus in ähnlicher
Licht- und Geistesschönheil mit Vorderan-
sicht, dort bei Samberger mit Seiten-
ansicht dargestellt. Und iver wollte leng-
nen, daß der Christus ans dem
A b e n d m a h l e von L i o n a r d o und
dessen bartloser C h r i st u s lv o h l
den Höh ep nnkt in der Christ us-
darstellnng bildet und zu den genial-
sten Inspirationen christlicher Kunst ge-
hören. Auch wird jeder objektive Beur-
teiler zngeben, daß Christus der S ch m e r-
zensmann die beste Wiedergabe
g e f u n d e u bei den altdeutschen,
n i e d e r l ä n d i s ch e u und italienischen
M e i st e r n.

Welche Grundsätze sollen nun maß-
gebend sein für die Christusdarstellung in
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