Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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der Kunst? Es liegt uns ferne, hierüber
ein entscheidendes Wort zu sprechen.

Einige leiteube Gesichtspunkte aber dürfen
wir uns wohl gestatten anfznstellen.

1. Daß die Tradition respektiert werden
muß, verlangt die Kirche und auch der
konservative Sinn des christlichen Volkes,
der kühnen und gewaglen Neuerungen
auch hier mißtrauisch gegenübersteht.
Vornehmes Ignorieren der Tradition
und Vergangenheit rächt sich, wie dies
gezeigt wurde.

2. Bei aller Hochachtung der Tradi-
tion ist der schaffenden und gestalten-
den Phantasie des Künstlers und seiner
Eigenart noch ein weiter Spielraum ge-
lassen, wie dies die Werke alter und neuer
Meister zeigen.

3. Nicht die äußere Form, foitbent der
Geist ist das Entscheidende. „Der Geist
ist es, der lebendig macht." Nur der
Geist des Glaubens kann bem Christns-
bilde ideales göttliches Leben und bem
Beschauer den Geist religiöser Erhebung
einhauchen.

Wegen ihres kindlich frommen Glaubens
haben die mittelalterlichen Darstellungen
bei all ihrer Unbeholfenheit und ihren tech-
nischen Mängeln ihre Wirkung bis heule
bewahrt. Darum ist es auch von untergeord-
neter Bedeutung, ob Christus mit oder ohne
Varl dargestellt wird. Der Christus der
Katakonrben ist bartlos, iind der bartlose
Christus von Leonardo ist eine der herr-

lichsten Offenbarungen eines christlichen
Künstlergenies. Glaube und Frömnligkeit
müsseil hier den Künstler inspirieren und
ihni den Pinsel führen. Ein Ungläu-
biger lasse die Hand vom Heiligsten uild
bem christlichen Volke Teuersten.

4. Wenri aber der Geist das Ent-
scheideilde und die Forni das Untergeord-
nete ist, so inüssen doch beide in enger
Wechselwirkung zu einander steheii. „Es ist
der Geist, der sich beit Körper baut." Je
größer und erhabener das geistige Ele-
ment, der geistige Träger des Bildes ist,
uuisomehr inuß dies auch in der Forni
in Kraft und Geltung treten. Christus
ist der Träger tiicht bloß der retnften
und edelsten, dabei allen Leiden unter-
worfeneil menschlichen Natur, fonbern der
Träger göttlicher Weisheit, Kraft und
Majestät; geraöe letzteres sollte nach H.
Chamberlain in der Kunst mehr zum
Ansdruck gebracht werden gegenüber bem
Schwächlichen, Leidenden, Frömmelnden
lind Phantastischen bei der Moderne.
Beides, Göttliches itnb Menschliches am
besten zu vereinigen, in die passendste
Foriii zu bringen, es am wirkungsvollsten
in die äußere Erscheinlliig treten zu lassen,
ist das schwierigste lind größte, aber auch
das herrlichste und lohneiidste Problem
christlicher Kunst I.

*) Soeben erscheint bei Bachem (Köln) „von
Walter Rothes, Christus", das eine treff-
liche Illustration zu, den obigen Ausführungen
bildet. Red.

Aiwoocei).

Herdersche Verlagshandlung zu Freiburg im Breisgau.

Soeben sind erschienen und können durch alle Buchhandlungen bezogen werden:

Künzle, P. Dr. M„ 0. M. Cap., Ethik und

Ästhetik, gr. 8°. (XVI u. 388.) M. 7.50; geb. in Leinw. M. 8.50.

Das Verhältnis zwischen Ethik und Ästhetik, der Brennpunkt mancher in letzter Zeit
besonders lebhaft diskutierter Fragen, findet hier eine klare und festgeschlossene
Darstellung. Verf. behandelt sein Thema gründlich, in oft geradezu poetischer Sprache
und leistet den Vertretern beider Disziplinen einen erheblichen Dienst.

Vögele, Dr. A., Der Pessimismus und das Tragische in

MinrU itfvUimt Bon der Tübinger Universität mit dem 1. Preis gekrönte

wvHUJt Ulli H-kl vll, Schrift. Zweite, bedeutend vermehrte Auslage.
8". (X u. 318.) M. 3.60; geb. in Leinw. M. 4.60.

Vers, behandelt mit scharfer philosophischer Unterscheidung und literarischem Feinsinn das
große Problem des Tragischen in Kunst und Leben. Für den Ästhetiker, den Literaturfreund
und den Ethiler von hohem Interesse.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges, „Deutsches Volksblatt".
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