Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

Seite: 113
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percuisgegeben und redigiert von Universitäts-Professor Or. L. Banr in Tübingen.
Eigentum des Rottenburger Diözesan-Annstvereins;
Xoininifsions-Vcrlag und Druck der Aktieii-Gesellschaft „Deutsches Volksblatt" in Stuttgart.

Jährlich 12 Nnnnnern. Preis durch die Post halbjährlich M. 2.25 ohne
J<2 Bestellgeld. Durch den Buchhandel sowie direkt von der Verlagshandlung IOIO
"" ' Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt" in Stuttgart pro Jahr M. 4.50.

Wanderungen durch neue und
erneuerte Airchen.

Von Stadtpfr. A. S ch ö n i n g e r, Ulm-Söflingen,
Vorstand des Rottenburger Diözesankunstvereins.

(Schluß.)

Um die verschiedenen gotischen Bau-
ten zu beschreiben, wäre vor allem eine
eingehende Baugeschichte nötig. Eine solche
ist über Neubauten zum Teil früher im
„Archiv" veröffentlicht worden, namentlich
über verschiedene Bauten von Codes. Es
wäre keine undankbare Aufgabe, einmal
sämtliche Kirchenneubanten der letzten
40 Jahre mit Plänen unb Abbildungen,
Kostenverzeichnis und Bauzeit zusammen-
zustellen. Die Vorarbeiten wären nicht
gering; es wäre aber ein zeitgeschichtliches
und knnstgeschichtliches Denkmal und dar-
um von bleibendem Wertch.

Für uns handelt es sich bei den Wan-
derungen mehr um die innere Ausstat-
tung und Bemalung, da wir den Archi-
tekten nicht ins Handwerk pfuschen wol-
len. Der Vergleichung halber möge es
uns gestattet sein, einige gotische Kirchen,
die zum Teil schon beschrieben sind, neben-
einander zu stellen, und zwar zunächst eine
ganz neue Kirche und eine alte, aber
gänzlich erneuerte Kirche: die katholische
Garnisonskirche in Ulm und die Lieb-
frauenstadtpfarrkirche in Ravensburg.

In der katholischen Garnisons-
kirche in Ulm besitzt unsere Diözese
durch die Munifizenz des Deutschen Reichs

’) Die Redaktion wird dieser trefflichen An-
regung gerne näher treten und sobald Zeit und
genügend Material zur Verfügung steht, sehen,
was sich daraus machen läßt. Red.

ein einzigartiges Gotteshaus. In neuester
Zeit tritt dessen Schönheit noch mehr
hervor bei einein Vergleich mit der nen-
erbauten, nur wenig entfernten evange-
lischen Garnisonskirche, lieber den Ban
selber und seine Schönheiten hat der ver-
storbene Vorstand Pfarrer Detzel im
„Archiv" berichtet. In den sechs Jahren,
seit welchen der Ban fir und fertig vor
uns steht, haben viele Besucher ihn be-
trachtet nild vielerlei Urteile fiitb über
ihn und seine Ausstattung abgegeben wor-
den. Der Ban ist das Werk Meckels,
des früheren erzbischöflichen Baudirektors
in Freiburg, und Meckels Werke sind
originell. Er hat, wie kein anderer, das
Wesen der Gotik, insonderheit der Spät-
gotik, erfaßt, durchdacht und angewandt.
Nirgends aber finden wir eine sklavische
Nachahmung. Insofern kann die gotische
Garnisonskirche sich mit dein modernsten
Kirchenbauwerk Theodor Fischers, der
evangelischen Garnisonskirche, wohl messen.
Auch hier sind alte Formen in neuer
Gestalt. Wer denkt beim Anblick der
trutzigeu Chortürme, durch mächtigen
Brückenbau verbunden, nicht an nordische
Backsteinballten, wie Gernrode n. a. Und
wenl kommt beim Anblick des kuppel-
artigen Vorhallebaus nicht eine Erinne-
rung an Worms?

Meckels Ban aber hat das voraus,
daß er getreu im Sinne der Alten dnrch-
gesührt ist und daß er in der Stadt des
größten spätgotischen Münsters, ohne
diesem Konkurrenz zu machen, dasteht
als ein herrliches Zeugnis, daß man auch
j im 20. Jahrhundert die Alten wohlver-
l standen und gewürdigt hat.
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