Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 28.1910

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<*o eigenartig und doch wieder so
nahestehend der alten Knust, wie der Ban
an und für sich, ist auch das Innere
desselben. Der Hofdekorationsmaler Ro-
bert Nachbaner ans Stuttgart hat ganz
nach Meckelschen Intentionen, aber ver-
bunden mit eigenem Studium an alten
würltembergischeu Malereien in Maul-
bronn und andern Orten, der Kirche das
buntfarbige Gewand gegeben, das freilich
vielen fast etwas übertrieben vorkotitmt,
obwohl es keineswegs übertrieben ist. Es
ist etwas nnfernt Auge Ungewohntes,
dieses farbenfreudige Gewand, aber matt
wird sich mit der Zeit daran gewöhnen,
uud in Ulm wird jeder, der einmal die
düstere Ausstattung der evangelischen Gar-
nisonskirche geschaut und dabei einett ge-
linden Schauer von Pulver und Blei
entpfnudeu hat, beim (Eintritt in den
heiter festlichen Rannt der St. Georgs-
kirche anfatmeu und an der jener mo-
dernen gegenüber fast naioett Darstellungs-
kunst der Alten sich er freiten.

Wenn bei der mittelalterlichen Behaut -
lnugsweise rot und grün besonders her-
vortreten und deshalb gesagt wird, das
sei des (Sitten zu viel, so ist zu bemerken,
daß diese Farbtöne in verschiedenett Nüan-
cieutngen sich präsentieren und daß die
grün in grün gemalten Gewölbeflächen
ein sehr beliebtes Motiv des ausgehenden
Mittelalters waren. Ebenso liebte letz-
teres kräftige Kontraste, und schwarz und
weiß sind nicht verpönt. Im Laufe der
Zeit werden ferner gerade die so behan-
delten Flächen eine Stimmung erhalten,
welche ganz gewiß alle Aufdringlichkett
abstreift.

Kopfschüttelnd steht nun uraucher vor
den figürlichen Darstellungen, absonderlich
vor den Apostel- und Prophetettbildern,
vor bent großen Christoph, vor den l4 Not-
Helfern und den übrigen Darstellungen.
Das will nicht recht behagen. Die Ideen
sind gewiß gut, aber diese fast barocken
Gestalten, vor denen manche sich fast
fürchten! Denen, die sich hierüber nicht
klar werden, mag gesagt fein fürs erste,
daß auch diese figürlichen Darstellungen
mehr dekorativen Zweck haben und des-
halb als Flächenmalerei behandelt sind,
sodann daß auch sie nach alten Mustern
und Vorbildern geschaffett sind. Es sollen

keine Kunstwerke für sich sein, sondern
sie sollen die Staffage zur Gefamtdekora-
tioit bilden und deshalb im Gesamtbild
nach Stil und Art sich einstigen. So
betrachtet, wird man mancherlei Verzeich-
nungen, manche Ausdrnckslosigkeit, manche
Steifheiten mit in beit Kauf nehmen —
die einheitliche Stimmung bleibt gewahrt.
Ob diese figürliche Flächenmalerei das
Richtige ist, oder ob auch hier Kunstwerke
im eigentlichen Sinn, empfuttdene Kom-
positiouen und lebenswahre Figuren besser
angebracht sind, darüber kann man immer-
hin noch streiten und sich vergleichen.
Die Wandmalerei des Mittelalters war,
wenigstens bei uns, lineare Flächenmaleret
mit starker Konturierung. Sie kann ohne
Zweifel nachgeahmt werden, muß aber
nicht. Der begeisterte Altertnmsfrennd
hat eine Freude daran, aber dem ver-
feinerten Geschmack unserer Zeit paßt
nicht alles. Wir sehen und empfinden
nicht so naiv, auch nicht so derb, wie
unsere Vorfahren, sonst würden wir uns
gar nicht darüber anfhalten. Von ztt
viel an Darstellungen, wie manche meinen,
kann gar nicht die Rede sein. Ueberall,
wo man alte Wandmalereien aufdeckt,
erscheinen die Wände über und über be-
malt mit Figuren, ganzen Szenett und
Zügen. Alan vergleiche nur die Au-
gustinerkirche in Konstanz oder den alten
Tnrmchor in Oedheim.

Auch die gesamte weitere Ausstattung
der katholischen Garnisonskirche will von
dem Standpunkt ans betrachtet fein, daß
alles dekorativ zusammenstimmt, und in
dieser Hinsicht kann man sagen: „Es ist
erreicht." Altäre, Kanzel, Gestühl, Orgel
sind in Form und Farbe zusammenge-
stimmt zum Teil ans Kosten der künst-
lerischen Durchbildung. Einzeln betrachtet,
erscheinen die Nebenaltäre sehr mager;
der Aufbau des Hochaltars ist nicht nach
ben Proportionen des goldenen Schnitts
gegliedert. Der eigentliche Altar mit
Tabernakeln und Flügeln wirkt unter der
Wucht der Kreuzigungsgruppe wie eine
Predella, die nur die Basis für diese
Gruppe abgibt. Einfach, aber großartig
präsentiert sich der Orgelprospekt. Die
steinerne Kanzel ist nachahmenswert. Das
rote Meer der Stuhlung ist immerhin
noch gefälliger als die graugrüufchwarzen
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