Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

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Der bl. Thomas von Aquin in
der Kunft.

Bon Dr. I. A. Endres, Regensburg.

Das hier angedentete Thema ist noch
nirgendwo in erschöpfender Weise behandelt
worden. Eine einigermaßen erschöpfende
Behandlung würde in erster Linie znm
Gebote machen, überall da nach Dar-
stellungen des Heiligen Nachforschungen
anznstellen, wo je einmal die große weit-
verzweigte Stistnng des hl. Dominikus
Wurzeln faßte. Aber auch außerhalb
der spezifisch Dominikanischen Nieder-
lassungen hat die prominente Gestalt des
großen Kirchenlehrers allenthalben zu künst-
lerischen Taten heransgefordert, ganz
besonders, seitdenr der unvergeßliche
Leo XIII. die Augen der Christenheit
wieder ans dieses Kleinod, dessen Licht-
glanz die Kirche erleuchtet, hingewiesen.
Die folgenden Zeilen wollen daher nicht
mehr sein, als vereinzelte Fingerzeige, die
durch die bisherige Forschung ermöglicht
und durch einige zufällige Wahrnehmungen
begünstigt werden.

I. Porträtdarstellungen.

Das Interesse von uns modernen
Menschen ist bei der künstlerischen Wieder-
gabe historischer Persönlichkeiten stets in
erster Linie auf deren tatsächliche Er-
scheinung gerichtet. In der Tat gebricht
es selbst für die Zeit des Mittelalters, wo
die Bedingungen für Porträtdarstellungen
aus mehrfachen Gründen möglichst un-
günstig lagen, wie allerjüngste Unter-
suchungen zeigen, nicht ganz an Mitteln,
wenigstens für einzelne an der Spitze der

Menschheit wandelnde Gestalten eine an-
nähernd zutreffende Vorstellung zu er-
wecken. Es kommen hiebei freilich fast
ausschließlich weltliche und geistliche Macht-
haber in Betracht. Aber so sehr auch
gegenüber ihnen die geistigen Größen des
Mittelalters, die Männer der Wissenschaft,
in den Hintergrund treten, von einem der
größten derselben, von Thomas von Aquin,
scheint es die zeitgenössische Kunst doch
der Mühe wert gehalten zu haben, die
damals verfügbareKrast zu einer eigentlichen
Porträtdarstellung aufzubieten. Viterbo,
wo der hl. Thomas in den Jahren ] 267
und 1268 zur Verfügung der päpstlichen
Kurie unter Klemens IV. lebte, rühmt
sich, in dem Kloster S. Maria di Gradi
an einem Wandgemälde eine naturgetreue
Darstellung des Aqninaten besessen zu
haben. Der jüngsten Vergangenheit ist
diese Darstellung freilich nur in der Kopie
eines späteren Tafelgemäldes überliefert
worden, und auch dieses ist gegenwärtig
verschollen, glücklicherweise aber wenigstens
in Reproduktionen erhalten geblieben.
Das Bild scheint von phantastischen In-
spirationen frei zu sein, verrät ein durch-
aus individuelles Gepräge und stimmt
zu dem, was von der äußeren Erschei-
nung des großen Scholastikers berichtet
wird, dessen Korpulenz und Größe vor
allem auffielen. Daß der Aquinate
noch keinen Nimbus auf dieser Dar-
stellung besitzt, darf vielleicht als Jn-
dizinnr dafür genommen werden, daß
das zugehörige Original aus einer
Zeit stammt, wo Thomas noch nicht
als Heiliger verehrt wurde, ans einer
Zeit also, in der die Erinnerung an
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