Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

Seite: 15
DOI Heft: 10.11588/diglit.16251.8
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16251.9
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16251.10
DOI Seite: 10.11588/diglit.16251#0024
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1911/0024
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
15

lns als Ordensstifter, uue er die „Do-
mini canes" tu die Breit sendet; beit
hl. Petrus Martyr in lebhaftem Dis-
put mit deu Häretikern und den heiligen
Thomas mit vor sich gehaltenem offenen
Buch in Kampf und Sieg über den Irr-
glauben. Wie sonst, so mischen sich auch hier-
in die allegorische Darstellung bestimmte
historische Züge. So glaube ich kaum
einen Widerspruch gewärtigen zit müssen,
wenn ich in den beiden hingebungsvoll
vor Thomas knienden Gestalten, die der
spitze Hut als Juden kennzeichnet, jene
beiden vornehmen Israeliten erkenne,
die Thomas auf dem Kastell Molaria
des Kardinals Hatitübaldi durch die über-
zeugende Beacht seiner Lehre für das
Christentum gewann H. In der nun
folgenden Reihe, der vor Thomas aus-
gesührten Schar dürfte in dem Greis
mit dem breitkrämpigen Hut und ben
staunend gefalteten. Händen wohl Aristoteles
zu sehen sein. Die Gestalt ftimntt überein
mit dem Aristoteles §n Füßen der Dialek-
tik auf dem Bilde der gegenüberliegenden
Wand in der Spanischen Kapelle. Der
„Philosoph" soll hier gleichsam jeiit
Staunen nusdrücken über die Weisheit
seities Schülers nub Interpreten Thomas.
Der Manu mit dem Turban, welcher sich
selbst Schweigen gebietend den Finger an
ben Mund legt, gemahnt au deu sieg-
reichen Kamps des Aqninateti gegett den
Averroismus uswch

Jit sromnten Andachtsbildern wurde
Thomas tvohl am häufigsten verherrlicht
von feinem seligen Ordeusgenosseu Fra
Giovanni da Fiesole, bem wie ihm die
Geschichte in datikbarer Bewunderttng das
Prädikat des „Englischen" zuerkauut hnt.
Immer tvieder weist er liebevoll auf ihn
hin int Chor der Seligen, so auf den
Bildertt von Mariä Krönung zu S. Marko
in Florettz und im Louvre zu Paris, vont
jüngsten Gerichte in der Akademie zu
Florenz, von der Kreuzigung im Kapitels-
saale zu S. Marko daselbst, von der
Kreuzigung in der 37. Zelle des genannten
Klosters usw. Von hohem Interesse ist
das großzügige und anregende Gemälde

') Acta SS. Martii tom. I. p. 667.

0 Einige weitere Thomasbilder in S. Maria
Nooclta erwähnt F. X. Urans a. a. O. S. 114.

im Klostergauge von S. Marko, die
Madonna mit bettt Kinde auf dem Throne
und rechts und links von ihr der hl. Augustin
und Thomas von Aquin, eine etwas
freiere und echt künstlerische Wiedergabe
der Vision des Albertus Maudukasiuus
von Brescia.

In die Fußtapfen Fiesoles trat is seine
Schule, indem sie den Aquinaten in
Chorbüchern, ans Reliquiarien und auf
Altarbildern (Triptychon in der Galerie
Pitli, Hochaltarbild von S. Dotneuiko in
Fiesole) verewigt.

In den Kreis allegorischer Darstellung
wurde der hl. Thomas auch später noch
gezogen. Aus seiner berühmten Disputa
konnte Raffael des großen Theologen
nicht vergessen. Aber die Zeiten waren
jetzt bereits andere geworden. Der
Humanistnus und die Renaissance hatten
ihren Einzug gehalten und begannen ihre
Schatten auf die mittelalterliche Schola-
stik zu werfen. Und so ist zwar Thomas
von Raffael in nächster Rähe des heiligen
Augustinus eine Stelle angewiesen, aber
immerhin taucht seine Gestalt doch erst
tvie aus dunklerem Hintergründe auf.
lScbkuß folgt.)

Wanderungen durch neue und er-
neuerte Kirchen.

Aon Stadtpfarrer A. Schöning er,
Ulm-Söflingen.

(Fortsetzung.)

Unsere . Waudernug führt uns in zwei
tveit voneinander entlegene Stadtpfarr-
kirchen,'^wiederum eine alte ehrwürdige
Deutschordenskirche^ zum hl. Täufer Jo-
hannes im untersten Unterland, in Mer-
gentheim, und eine nette, stolze, domähu-
liche Kirche in des Heubergs Oberamls-
stadt Spaichiugeu. Tie Kirche St. Johantt
in Biergentheim/eine frühgotische Basilika
(ca 1250 — 1270), hat leider, tvie manche
andere, verschiedene Restauratiotten er-
litten, und ist ihres alten Inventars aus
der Renaissance- und Barockzeit fast gäuz-
lich beraubt, Rach etlichen Spuren zu
schließen, muß dasselbe, tvie es bei einer
Deutschordeusresideuz nicht anders zu er-
warten, sehr reich' gewesen sein. Wohl
manches Stück aus der Zeit der deutschen
Renaissance, aus der gotisierenden Epoche
des Bischofs JulinS Echter von Würzburg,
loading ...