Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

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strenger Golik ausgesührt, konnten das
Kalte und Herbe des Eindrucks nicht
mildern, sondern verstärkten mit ihren
starren, zackigen Fialen, die jemand ein-
nial gotische Eiszapfen genannt hat, mit
ihren streng stilisierten und profilierten
Baldachinen und Wimpergen die Herbe
und Kalte. Nur eilte entsprechende Be-
malung konnte die Starrheit einigermaßen,
wenn auch nicht ganz, lösen. Eine solche
erhielt der Barr im Sommerhalbjahr 1910,
und zwar votr einem ans Spaichingen
gebrirtigeu Kirchenmaler Schellinger inr
Verein mit seinem tüchtigen Kompagnoir
Schmer und dem Freiburger Kunstmaler
Schnltis.

Es war nicht gerade leicht, fürs erste
die sogenannte rechte Stimmung, sodann
die passende Ornamentik, namentlich auch
die entsprecherrde Uinrahmnng zu den
Stationen, zu sinderr und dabei zwei
Klippen zu vermeiden: die sklavische An-
lehnnng an alte oder neue Vorbilder und
die Entfernung vorn Stil und Charakter
des Bans. Die Lösung ist aber als eine
glückliche zu bezeichnen. Irr einem ersten
Entwurf der anssührenden Maler war
zu viel Grün enthalten gewesen; bei der
Ausführung wurde das Zuviel vermieden.
Die Stiinmnug des ganzetr Raumes ist
eine feierliche, dabei Helle und freundliche
getvorden. Die Architekturglieder treten
gut hervor, sind aber, namentlich die
gänzlich schmucklosen Kapitelle, durch Gold
und Farbe gehoben und bereichert. Im
allgemeinen wurde der rote Steinion an
dieserr Teilen unberührt gelassen; die ganze
Architektur hat aber ungenrein gewonrten
durch diese Bemalung kleinerer Partien.
Entsprechend denr roten Steinton wurde
auch der Sockel ringsum au den Wänden
so gehalten und über den Seilenaltären
die Blendarkaden unter den großen Rad-
senstern der Querschiffe fortgesetzt.

Der Grtlndton der Wände und Gewölbe-
felder ist licht, fast weiß. Während die
Seitenschiffe ziemlich einfach mit Linien-
ornament in den Gewölbefeldern behandelt
sind, aber einen sehr ruhigen und doch
festlichen Anblick gewähren, hat das Haupt-
schiff reiches Pflanzen- und Tierornament
in fast phantastischen, jedenfalls sehr
phantasiereichen stortuen. Es wurde in
dem Rankenwerk eine Art Tiersymbolik

angewandt, deren Erklärung eine besondere
Aufgabe des Spaichinger Klerus bilden
dürfte. An der Wand der Seiten- und
Qnerschiffe zieht ein breites Band ebenfalls
mit fremdartigem Getier, beflügelten Löwen
und Leoparden ringsum, das an die Skulp-
turen der Hohenstaufenzeit gemahnt und
dem Ganzen eilten wohltuenden, alter-
tümlichen Anstrich verleiht. Das Band
ist ebenfalls itt rotem Steinton gehalten.
Von der Bemalung des Langhauses heben
sich zwei Partien in verschiedener Weise
ab: die Vorhalle unter der Empore und
der Chor. Die Vorhalle zeigt, ähnlich
wie die Seitenschiffe der Garnisonskirche
irr Ulm, im Gewölbe Grün in Grün ge-
maltes Ornament mit Pflanzen- und Tier-
motiven, wobei die württembergischen
Wappentiere sehr hervortreten, wahrschein-
lich, um die Anhänglichkeit dieser Reu-
württemberger gleich beim Eintritt zu
dokumentieren oder einznprägen. Etwas
störend wirkt die Behandlung der breiten
Gurtbögen über den Durchgängen ins
Seitenschiff in Emailfliesenmanier. Der
Chor ist ganz angemessen reicher gehalten
in der Dekoration als das Langhaus.
Tie gelbliche Stimmung wirkt feierlich.
Reiches Ornament bedeckt die Gewölbe-
selder ganz; in dem Rankenwerk sind wie
in einer Art Medaillons Engelsfignren
mit den zum heiligen Opfer nötigen Ge-
räten und Paramenten angebracht. Viel-
leicht fällt manchem Beschauer die zu starke,
schwarze Konturierung dieser Engel aus,
auch könnten sie sich noch viel ungezwungener
in das Rankenwerk einfügen und ans ihm
duftiger, rind lustiger herauswachsen. In
dieser Beziehung sind die schwebenden
Engel um die Schlußsteine des Querschifss
besser geraten. Die untere Partie der
Chorwände ist von einem herrlichen ge-
malten Teppich bedeckt, in welchem Blau-
grün mit Gold vorherrscht. Im ganzen
wirkt der Chor namentlich bei Morgen -
belenchtung sehr feierlich und ist als Haupt-
teil der Kirche hervorragend ausgeschmückt.
Die Bemalung stimmt auch zu den schönen
gemalteil Chorfenstern. Nur der Aufbau
des Hochaltars stört mehr durch das viele
Schrein- und Holzwerk als durch die
Konstruktion an sich. Unseres Erachtens
wäre die Wirkung viel besser, wenn über
dem Mittelbau (mit Tabernakelthronns
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