Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

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Gestalt der tiaragekrönten Kirche auf
einen hochragenden Thron. In der eineil
Hand hält sie das Kruzifix, über dem
der erklärende Text des Bildes steht
(Bene scripsisti de me, Thomai, in
der andern den Thomas zngedachten Lor-
beerzweig. Um die Stufen des Thrones
reihen sich Engel mit den Insignien des
englischen Lehrers, der Hl. Schrift, die er
erklärt, bem heiligsten Sakrament, das er
besungen, der Lilie der Reinheit, die er
beivahrt hat. Vor den Stufen kniet er
selbst und breitet die reichen Gaben seines
Geistes ans, uüt der Linken zugleich auf
Aristoteles weisend, der ihm die kostbaren
Dokllmente der Weisheit aus alter Zeit
hinüberreicht, und wenn ailch tief unter
Thomas fußend, seinen Lehrstuhl doch
festgefügt im Felsengrnnd der Kirche be-
hauptet.

Noch mancher aridere Zug aus dem
Leben und der Legende des Agninaten
fand in der bildenden Kunst Berück-
sichtigung. Durch Quetif lind Echard Z
erfahren wir, daß ein Exemplar der Ca-
tena aurea von Thomas im Besitze der
Sorbonne in einer Initiale die Uebergabe
dieses Werkes an Papst Urban IV. anf-
weist.

Die bekannte Anekdote, daß Thomas
einst den hl. Bonaventura besucht habe
und ihil nach feiner Bibliothek befragend,
voll dem fromlnen Franziskanermagister
arrf das Bild des Gekreuzigten verivieseil
worderi fei, stellte der Maler Franz Zur-
baran (P 1662) ans einem Bilde dar,
daS ursprünglich für die Bonavenlnra-
kirche zil Sevilla bestinnnt rvar, jetzt aber
l»l kgl. Museum zil Berlin aufbervahrt
wird-).

Keine genügende Erklärung fand bis-
her eill Predellenbild von Orcagna
(ch 1368) am Altäre der Strozzikapelle
von St. Maria Novella zrl Florenz.
Kraus sieht in ihm die „Feier einer Messe
in einem von Dominikanern gefüllten
Chor" 3). Bischof Paul W. v. Keppler
kommt bereits auf eine genauere Deutung,

*) Scriptores orcl. Praed., Paris 17*9'

I, 326.

3) L. Leininens, O. F. M., Ter hl. Bona-
ventnra, Kempten u. München 1909, 269.

s) Geschichte d. christl. Kunst, Freibnrg 1908,

II, 2 S. 146.

indem er es zum hl. Thomas, dem „Ver-
herrlicher des encharistischen Geheimnisses",
in Beziehung bringtJ). Das Gemälde
zeigt links eine Anzahl Dominikaner vor
einem Chorpnlte. Zwei sind gerade nnf
dem Wege zu bem rechts die Messe lesen-
den nimbierten Ordensgenossen. Einer der
beiden faßt den Zelebrierenden an. Denl
Künstler schwebt hier die Erzählung der
Biographie von Thomas vor, wonach
dieser einst im Konvent voll Neapel bei
der Feier der hl. Blesse in Ekstase geriet.
Es seien bann seine Mitbrüder hinzu-
getreten, haben ihll berührt und zur Fort-
setznng der hl. Handllliig veranlaßt-).

Eine Darstellung des hl. Thomas als
„Berherrlicher des encharistischen Geheim-
nisses" verdanken wir bem letzten Nazarener
Edward v. Steinle. Das Aquarell ist
jetzt im Besitze von Professor Dr. Franz
Brentano in Florenz3). Thomas schreibt
in seiner Zelle sitzend den Hymnus „Fange
lingua“. Ein Engel hebt den Vorhang
von bem in einer Monstranz aufgestellten
Allerheiligsten hinweg und enthüllt es so
beit Blicken des encharistischen Dichters.
Ein Litnrgiker mtb Theologe würde dem
Gelnälde, so wenig man auch sonst an
Steillle korrigieren liiöchte, eine andere
Fassung gegeben haben. Daß Thomas
nicht den Habit seines Ordens^trägl,' ist
vielleicht bei dieseiu privater Initiative
entsprungenen Werke mit Absicht gewollt.

Es hängt wohl mit der bevorzugten
Pflege der Architektur und Malerei durch
den Dominikanerorden zusammen, daß die
Kunstgeschichte hauptsächlich graphische
DarsteUnngen des hl. Thomas aufzuführen
Veranlassung fand. Ohne Zweifel würden
sich einer systematischen Forschung nicht
wenige plastische Darstellungen des Heili-
gen in Kirchen und Altären namentlich
ans der neueren Knnstperiode daibieten.

') Aus Kunst und Leben, Nene Folge, Frei-
bura 1906 S. 7.

-) Ouo (Thoma) diutius sic manente,
admirati fratres accesserunt et ipsum
tangentes, ut prosequeretur sacra my-
steria, . . . excitaverunt. Gui!. de Tocco,
Vita s. Thomae, A. II. Bull. Martii t. I,
669 E.

a) Edward v. Steinle. Des Meisters, Ge-
samtwert in Abbildungen heransgeg. von lAlf.
M. v. Steinle, Kempten und München 1910,
i Nr 219.
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