Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

Seite: 33
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Or. 4

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Die Wandgemälde der Heicfyenauer
Malerschule in Oberzell, Nieder-
zell, Burgfelden und Goldbach.

Von Stadtpfarrer Brinzin g er in Oberndorf a. N.

Die Insel Reichenau, sechs Kilometer
westlich von Konstanz gelegen, ist eine
Perle des Untersees, zu allen Zeiten
berühmt wegen ihrer Natnrschönheit, schon
im 9. Jahrhundert besungen von Abt
Ermenrich von Ellwangen, der zur Zeit
Walasrid Strabos daselbst studierte, von
Viktor Scheffel in unfern Tagen. Jnr
Mittelalter war die reichsfürstliche Abtei
eine Pflanzschnle der Kultur, vom 9. bis
13. Jahrhundert eine Zierde der Wissen-
schaft, von Mitte des 10. Jahrhunderts
bis Anfang des 11. Jahrhunderts Sitz
der berühmten Reichenauer Malerschule,
welche in den letzten Jahrzehnten in
hohem Grade die Aufmerksamkeit der
Kunsthistoriker und der Kunstfreunde er-
regte, seit Aufdeckung der iilteressanten
Wandgemälde in Reichenau, Oberzell und
Niederzell sowie in Burgfelden und Gold-
bach, welche von einer Reihe namhafter
Gelehrter bezüglich der Zeit ihrer Ent-
stehung, ihrer Urheber und ihrer kunst-
geschichtlichen Bedeutung untersucht wur-
den. Im folgenden geben wir eine Be-
schreibung dieser Kunstwerke nach den
Forschungen von Adler, Kraus, Springer,
Künstle, Neuwirth, Weber, Smarsow,
Keppler, Sauer, Wingenrolh. I.

I. Die Wandgemälde der
St. Georgskirche in Reichenau-
Oberzell.

Die Kirche St. Georg in Ober-

zell ist eine reine dreischiffige Sänlen-
basilika von bescheidenen Maßen, 42 m
lang und 16 m breit, mit Querschiff und
quadratisch geschlossenem Chor, viereckigem,
steinernem Glockentnrm mit Helmdach,
über der Vierung emporsteigend, mit einer
gewölbten Krypta unter dem Chor; zur
Krypta führen zwei niedrige, tonnenge-
wölbte Eingänge vom Mittelschiff aus,
welche sich in der Mittelachse zu einem
Mittelgang vereinigen. Das Langhaus
hat eine Westapsis, vor welcher eine tiefe
Vorhalle liegt. Das Hanptportal liegt zwi-
schen beiden in der Apsismaner. Die ganze
Kirche ist innen und außen verschiedenartig
verändert worden. Die Seitenschiffsmanern
sind ausgewichen, sie werden jetzt durch
niedrige, plumpe Strebepfeiler gestützt.
Die Fenster im Chor sind in spätgotischen
. Formen erbreitert, andere erhielten die
charakterlosen Linien der flachen Ellipsen-
bogen des 18. Jahrhunderts. Das Innere
erhielt später im Langhaus teils stuck-
belegte, teils einfache kassettierte Decken,
in der Vierung ein spätgotisches Kreuz-
gewölbe, im Chor sogar eine in den
Flächen des Kreuzgewölbes nachträglich
hergestellte Holzdecke. Die Kreuzflügel,
ursprünglich halbkreisförmig geschlossen,
nie überwölbt und früher in gleicher Höhe
wie der Chor am Vierungsturm empor-
steigend, sind gleichfalls verändert worden.
Der sehr alte Hochaltar (aus dem 11.
oder 9. Jahrhundert) ist ein steinerner
Martyreraltar mit Grabkammer, hat eine
schwere Mensaplatte, eine Eisenblechtüre
und zwei kreisrunde Oeffnnngen, eine
höchst seltene Einrichtung diesseits der
Alpen. Das frühromanische Hanptportal
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