Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

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ist aus der Unterschwelle, den beiden
seitlichen Einsassungssteinen und dein obern
Deckstein konstruiert. Die Einfassnngs-
steine haben den zickzackförmigen Mäander
mit Parallelstreifen belegt. Der Türstnrz
hat eine feine Umrahmung, die mit Rnnd-
stab verziert ist, und in der Mitte ein
Vortragskrenz, von einem Ring um-
schlossen. In einer Nische oben ist das
Gemälde der Kreuzigung Christi und
darüber das Wandgemälde des jüngsten
Gerichts, die Schiffswände innen sind
mit acht Wandmalereien der Wunder des
Herrn geschmückt. Diese Malereien werden
wir später näher besprechen (nach Adler
S. 10).

Ans welcher Bauzeit stammt die
Georgs ki rche? Adler (S. 9 ff.) hat
das Verdienst, zwei Banperioden festgestellt
zu haben. Als ältesten Teil bezeichnet
er die Osthälfte, nämlich den Chor mit
Krypta, das einschiffige Langhaus, Vierung
und Krenzflügel, etwa 888 — 90 unter
Abt Hatto III. erbaut. Als jüngere
Teile bezeichnet Adler den Umbau des
ursprünglich einschiffigen Langhauses in
eine dreischiffige Sänlenbasilika mit West-
apsis, etwa 990 unter Abt Witigowo er-
baut. Kraus ist ihm in diesen Datierun-
gen gefolgt. Künstle hält diese Datie-
rungen für unrichtig. Er schreibt die
ältesten Teile als „Cella Hattonis“,
einem Bau des Abts Hatto I. zu, in:
Jahre 823, den Umbau in eine drei-
schifsige Basilika aber nicht dem Abt
Witigowo, sondern Hatto III., etwa 880
bis 890. Hatto III. hat die älteren Ost-
partien so vollständig in seinen Umbau
einbezogen, daß sie äußerlich als frühere
Bestandteile nicht mehr zu erkennen waren.
Er ist der eigentliche Fundator der Georgs-
kirche, er brachte auch dorthin das ihm
896 von Papst Formosns geschenkte
Haupt des hl. Georg als kostbare Reliquie
mtb verschaffte sich von seinem Gönner
König Arnulf reiche Stiftungen, der 890
Reichenau besucht und wahrscheinlich der
Weihe von St. Georg selbst beigewohnt
hat (Künstle S. 6 und 7). Nenwirth
(S. 56) verlegt das Langhaus in die
Periode der Bautätigkeit Abt Witigowos
(984—96) mit Hilfe der Gemälde des
Langhauses, welche Nenwirth in die Zeit
des Abtes Berno (1008—48), Kraus in

die Zeit des Abt Witigowo (984—90),
Adler in das Jahr 1060 versetzt, Künstle
dagegen der Zeit Hatto III. Ende des
9. Jahrhunderts zumeist. Die Gemälde
der Georgskirche werden wir nun näher
besprechen: nämlich das Wandgemälde
des Weltgerichts und der Krenzi-
g n n g C h r i st i an der Westapsis sowie
die acht Wnnderszenen im Schiff
der Georgskirche.

a) Das Bild des jüngsten Ge-
richts an der Westapsis, an der obern
Wand, von der Vorhalle ans durch eine
Treppe zugänglich und schlecht beleuchtet,
ist nach Kraus erstmals 1810 entdeckt
worden, es uutibe 3 84(3 durch Glasmaler
Stantz von Konstanz aufgedeckt. Adler
sah es 1859 erstmals (es hatte schon
stark gelitten). Er beschreibt es in seiner
Schrift über Die Reichenaner Kirchen und
gibt eine Abbildung desselben. Es stellt
den Beginn des jüngsten Gerichtes dar,
in drei Horizontalstreifen reliefartig über-
einander gegliedert. Im untern Streifeil
sind die Auferstehenden, im mittleren
Streifen Christus mit Maria und den
Aposteln, im oberen Streifen fliegende
Engel. In der Mitte, von einer doppelten
Mandorla umgeben, thront Christus feier-
lich als Weltenrichter, ans der Iris sitzend,
die Füße stehen allf bent Erdglobus, das
Haupt umgibt der krenzbelegte Nimbus,
das Gesicht ist bartlos, die ansgebreiteten
Hände zeigen die Wundmale. Das grüne
Üntergewand hat gelbe und rote Umrisse,
der Mantel ist hellgelb und rot gerändert,
den weißen Nimbus teilt ein schwarzes,
sterneilbesetztes Kreuz. Die Ränder der
Mandorla waren früher mit Sternen aus
Bronze oder Silberblech geschmückt, die
gleichen Spuren sind erkennbar zwischen
den Apostelköpfen unb dem Krnzifixns.

Links vonl Weltenrichter steht Maria,
zu ihm aufblickend, die Linke bittend er-
hoben, die Rechte abwärts gesenkt, zil
Petrus — offenbar als Fürbitterin, ge-
kleidet lvie ihr Sohn unb ans Wolken
stehend, größer als die Apostel, aber
kleiner als Christus. Vier Engel durch-
fliegen den oberen Streifen, der aus zwei
Zonen, einer grünen und einer schwarzen,
besteht. Die Engel tragen weiße Unter-
kleider und hellgelbe Obergewänder, weiße
Flügel mit schwarzen Säumen; zwei blasen
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