Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

Seite: 38
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und man entdeckte an denselben, sie seien
„modern", obgleich manche von ihnen
schon vor einem Vierteljahrhnndert ent-
standen waren. Sie hatten also ein
ähnliches Schicksal wie die von Leibl,
dessen Anregungen und Einflüsse einzelne
von ihnen deutlich bekunden.

In der Jugend hatte man dem Knnst-
ler ein anderes Znknnstslied gesungen.
Kein Geringerer als Anselm Fenerbach
hatte bei seiner Geburt für die Kunst
Pate gestanden und seine Berufswahl
entschieden, allerdings derselbe Fenerbach,
der sich selbst die Grabschrift dichtete:
„Hier ruht Anselm Fenerbach,

Der im Leben manches malte,

Fern vom Vaterlande, ach,

Das ihn immer schlecht bezahlte."

Es scheint fast, als wäre der Schatten
des Paten auch verdüsternd ans das Leben
des Patenkindes gefalten. Zwar hatte
Trübner nur selten „fern vom Vater-
lande" gemalt, aber bezahlt hat es ihn
lange Zeit noch schlechter als seinen
Protektor. Nur hatte ihm das Schicksal
mit der Kunst — eine seltene Gunst —
zugleich ein solches Vermögen in die Wiege
gelegt, daß er „warten" konnte, ohne
darben zu müssen und das physische Elend
kennen zu lernen. Das moralische Elend
langer Verkennung hat er allerdings bis
zur Neige gekostet. Und wenn er trotz-
dem nicht nnterging, ja einen gewissen
Humor sich bewahrte, so verdient er auch
als Mensch volle Achtung und Anerkennung.
Er hat es wirklich verdient, was Martin
Greif an seinem 50. Geburtstage ihm
schrieb:

„Des Lebens Mittagshöh' hast du

erstiegen,

Zu Füßen breitet sich die Welt Dir ans,
In Klarheit siehst Du vor dem Blick sie

liegen.

Befreit von der Verkennung Wolkengraus,
Und wie ein Nest sich treulich an sie

schmiegen.

Im Schoß der Liebe deiir geborgen Hans,
In dem dir wohnst im Schutze guter

Geister

Voll stolzer Schaffenslust als kühner

Meister."

Vor wenigen Tagen hat der Gefeierte
seinen 60. Geburtstag begangen. Was
am 50. sich eben angebahnt halte, das

kam in dem Dezennium seitdem zu reicher
Entfaltung: Ehrungen, Anerkennungen,
äußere Erfolge und Popularität. Heute
zählt er mit seinem badischen Landsmann
und Schicksalsgenossen Hans Thoma zu
den Zierden der Karlsruher Akademie,
und täglich sieht er neue Scharen zu beit
Räumen des „Knnstvereins" in der Wald-
straße wallen, um sein Lebenswerk zu
betrachten und ihm im stillen zu huldigen.

Es ist ein reiches Lebenswerk. Zwei-
hnndertsechsnndfünfzig Nummern (einschl.
Zeichnungen und Entwürfe) zählt der
Katalog. Porträte und Tierstücke, Hi-
storien und Landschaften, Genrebilder
und humoristische Szenen wechseln mit-
einander, und zwar verteilen sie sich im
großen ganzen gruppenweise ans die
einzelnen Lebensperioden, so daß in der
einen die Gegenwart (Porträte und Land-
schaften), in der andern die Vergangen-
heit und das Reich der Phantasie (histo-
rische und mythologische Stoffe), in einer
andern wieder die Landschaft vorwiegt.

Geboren 185 l zu Heidelberg, erhielt
Trübner seine Ausbildung zu Karlsruhe
bei Schick, Canon und Feodor Dietz. Zur
Weiterbildung begab er sich nach Mün-
chen zur Zeit von Wilhelm Kanlbach und
Moritz v. Schwind. Doch machte ihn
Leibl der Schule abspenstig und gewann
ihn für die Natur. Winteraufenthalte
in Brüssel und Rom uitb Reisen nach
Paris und, allerdings erst später, London
weiteten den Blick, brachten jedoch keine
prinzipielle Wandlung. Nur der Verkehr
mit dem Landsmann H. Thoma bewirkte
eine Digression ins Mythologische und
Historische. Einem längeren Aufenthalt
in London folgte eine Zeit eifrigster
Landschaftsmalerei und endlich, nach einem
Vierteljahrhnndert im Dienste der „Kunst
ohne Gunst" ging auch ihm die Sonne
des Erfolges auf. Der Ruf nach einer
nationaldentschen Kunst und die Ent-
deckung einer solchen in beit im Jahre
1895 zu einer Kollektivausstellung in
Berlin vereinigten Werken Leibls lenkten
die Aufmerksamkeit auch auf Trübner,
und nun kam endlich der materielle und
der ideelle Erfolg, zuletzt in Form eines
ehrenvollen Rufes an die heimatliche
Kunstschule zu Karlsruhe, also an die
Seite Thomas. Erst im Jahre 1900,
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