Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

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läeransgegeben und redigiert von Universitäts-Professor Or. Baur in Tübingen.
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Kommissions-Verlag und Druck der Aktie,,-Gesellschaft „Deutsches Volksblatt" in Stuttgart.

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Die Wandgemälde der Reichenauer
Malerschule in Oberzell, Nieder-
zell, Burgfelden und Goldbach.

Von Stadtpfarrer Brinzing er in Oberndorf a N.

(Fortsetzung.)

8. Das letzte Bild beim Chor stellt
dar die Heilung des Bli udgehö-
re ll e u. Im Hintergrund eine Stadt mit
Türmen, der Herr tritt mit sieben Jüngern
aus dem mit Vorhängen behängten Tor
(wie im Bilde 5 und 6). Er legt die
Hand mit ausgesirecklem Zeig- und Mittel-
finger dem Kranken auf, der mit einer
kurzen Tunika bekleidet ist, einen Stab
in der Linken, in flehender Haltung.
Rechts enteilt er, die Rechte zur Stirlle
erhoben, das Bild ist stark zerstört, er
geht zum Teich Siloe, sich dort zu waschen.
Dieses Bild erscheint sehr häufig in Kata-
kombenbildern, Sarkophagen, Elfenbeinen
und Mosaiken (nach Kraus, Georgs-
kirche).

Der Z u st a n d dieser O b e r z e l l e r
Fresken ist verhältnismäßig traurig und
abschreckend. Ohne die voll Kraus 1884
in seinem Werk St. Georgskirche ver-
öffentlichten Uutriffe und die in seiner
Kilnstgeschichte (2. Band 1. Abteilung 1897
S. 54) gegebenen Abbildiuigen kann man
nicht auskommen. Seine farbige Doppel-
tafel (St. Georgskirche) ist unzureichend
und muß durch Borrmanns Aufnahmen
ntittelalterlicher Wand- und Deckenmale-
reien (Ernst Wasmuth, Berlin, Tafel 43
bis 45) berichtigt werden. In der Sankt
Georgskirche hängen acht Kartons der
Wunderszenen, 1891 —1893 gemalt, gute
Kopien, von Kunstmaler Karl Schilling

in Freibnrg i. Br., welche an Schnüren
herabgelassen werden können.

Welche Stellung nehmen diese Ober-
zeller Wandgemälde ein in der Kunst-
geschichte? Kraus betont ihre Unabhängig-
keit gegenüber byzantinischen Einflüssen,
sowie ihr Zurückgreifen ans die altchrist-
lich-römische Periode. „Diese Bilder des
Mittelschiffs verraten in den Typen wie
in den Kostümen das allerentschiedenste
Fortleben römischer Tradition ohne irgend-
welche Anklänge byzantinischer Eigentüm-
lichkeiten. Der Stil hat trotz der Ein-
fachheit eine Größe und selbst eine gewisse
dramatische Gewalt, wie er wenig Bild-
werken arrs bem früheren Mittelaller nach-
zurühmen ist. Auch in den Hintergründen
ist die Anlehnung an die Antike ersicht-
lich." Das Urbild dieser Bilder sucht
Kraus in gelehrter Beweisführung auf
italienischen! Boden (Kraus, St. Georgs-
kirche S. 7 —13). Springer stimmt mit ihm
überein: „Diese Szenen in Oberzell gehen
mit einem Worte noch unmittelbar auf
die altchristlich-römische Tradition zurück,
wir müssen hinznsetzen: sie schließen die-
selbe" (Springer, Bilder aus der neuern
Kunstgeschichte 1, 141). Es sind aber
nach Springer „nicht einfache Kopien
altchristlicher Kompositionen, das zehnte
Jahrhundert wahrt sich sein Recht, ins-
besondere in der größeren Heftigkeit, in
der übertriebenen Lebhaftigkeit der Be-
wegungen und Gebärden. Auch sind die
Maße vergriffen, die Linien vielfach un-
gelenk gezogen, über bem Streben nach
starkem Ausdrucke die Forderungen der
Natnrwahrheit hintangesetzt." (Jüngling
von Naim, der Besessene, Wassersüchtige
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