Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

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Denn der Paris ist nichts anderes als
der Adam reclivivus, und bei Salome
oder Snsanna macht nur das Milieu den
Unterschied aus. Hieße die Unterschrift
,,Männlicher Akt" oder „Weiblicher Akt",
oder „Männlicher und Weiblicher Akt",
so wurde niemand an biblische Motive
denken. Nur sei dabei bemerkt, daß sie
alle trotz Nudität dezenter gehalten sind,
als dies bei Aklstudien oft der Fall ist,
und daß die nmnnigfachen Reflexe mit
einem fabelhaften Geschicke festgehalten
sind, die das durch Baumkronen ge-
brochene Sonnenlicht, der Waldesduft,
die silberneu Wasser eines Teiches oder
die Schatten eines roten Gewandes auf
dem menschlichen Körper erzeugen. Wenn
dieselben dann aber bei Eris so intensiv
rot werden, wie der Apfel in ihrer Hand,
so ist dies allerdings des Guten zuviel.

Wesentlich zahmer ist das Bild, das
in die Kirche von Wiinpfen führt: „Tilly
reitet während der Schlacht bei Wimpfen
in die Dominikanerkirche, um für den
glücklichen Ausgang der Schlacht den
Segen des Himmels zu erflehen." Die
Szene an sich ist ergreifend, wie der alte
Haudegen mit seinem Gefolge in die
Kirche einreitet, der Priester im Meß-
gewande am Altäre sich ihm zuwendel
und mit der Monstranz den Segen gibt,
während auf dem Angesicht der Gläubigen
sich Andacht, Spannung und Furcht ab-
wechselnd malen und durch die offene
Pforte das Kampfgewoge hereinleuchtet.
Es ist ein gutes „Historienbild". Aber
es ist noch mehr. Wer einmal darauf
achtet, wie das Rot, Weiß und Blau der
gemalten Fenster im Schiff wiederkehrt
— Rot im Gewand des Priesters und
der Ministranten; in Verbindung mit
Weiß und Blau usw. in den Wand-
bildern, und bamt Weiß im Pferde und
Weiß und Blau in beit Farben der Rü-
stungen und Fahnen, der wird hier wieder,
wenn auch in mehr temperierter Form,
koloristische Finessen finden wie bei der
Kreuzigung Christi.

Wer es „bunter" haben möchte, der
trete nur erst in den Hauptraum der Aus-
stellung ein. Da schmettern ihm wahre
Farbenfanfaren entgegen, und besonders
kräftig das Signal: „Achtung, Achtung,
Kavallerie!" Die Reiter- und Reiterinueu-

bilder beherrschen die Situation. Der
Reitersmann steckt immer noch im Maler,
und er macht auch heute noch zu Roß
keine schlechte Figur, wie namentlich sein
Bild in Nr. 141 zeigt. Nur sieht er
mit dem frischen Not im Gesicht eher
einem gutsituierten, sonnverbrannten, schle-
sischen Landedelmann, als einem Maler
ähnlich. Das fei freilich „Pleinair",
sagt man; allein deshalb muß das Ge-
sicht immer noch nicht so rot sein wie
die rote Krawatte, die roten Handschuhe
und das rote Stirnhalsterband. Bei einen:
Offizier wäre es noch eher 511 verstehen,
da den blauen Klexen, die die Uniformen
gewöhnlich auf den Bildern machen, im
Rot der Patten und des Kragens und
den Reflexen auf dem Gesichte ein kräf-
tiges Gegengewicht gegeben werden muß.
Ein Musterbeispiel hiefür ist das Reiter-
bild des Großherzogs Friedrich I. von
Baden. Das kräftige Blau und Rot
der Uniform bestimmen den Ton des
Ganzen. Sollen sie nicht alles erdrücken,
so müssen auch die übrigen Farben kräf-
tig gehalten sein. So ist denn dem Blau
ein entsprechender Hintergrund gegeben
in dem vollen, massig behandelten Grün
der Bäume, und das Rot ist nur eine
Verschärfung der Farbe des Prachtfuchsen,
den der Monarch reitet. Und dann sehe
man einmal genau zu, wie die Pferde
gemalt sind; eilt paar Striche so kräftig,
als wären sie nicht mit dem Pinsel,
sondern mit der Spachtel aufgestrichen,
von nächster Nähe fast ein beleidigender
Anblick. Tritt man aber etwas zurück,
so wachsen die Züge zusammen und jeder
trägt das Seine bei zum harmonischen
Gesainteindrnck. Freilich hat ein solcher
Lapidarstil bei der Behandlung der utensch-
lichen Gestalt und noch mehr des mensch-
lichen Antlitzes seine Grenzen. Daß hier
ein Ausgleich zwischen Roß und Reiter
schwer, manchmal direkt unmöglich ist,
beweist schlagend das Reiterbild des Groß-
herzogs von Hessen. Derartige Werke
sind dann Prädikaten ausgesetzt wie dem,
das vor ca. zehn Jahren ein Bild „Die
apokalyptischen Reiter" von sehr beachtens-
werter Seite bekam. „Die apokalyp-
tischen Gäule hat der Künstler gebracht,
die apokalyptischen Reiter ist er schuldig
geblieben."
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