Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

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in den normalen Formen der gotischen
Ornamentik nnb ist gefällig unb sicher
ansgeführt, keinerlei Ueberladung, aber
durch diskrete Anbringung von Gold
festlich gestimmt. Der Gesamteindruck
ist licht und freundlich.

Es drängt uns mm, einmal eine
wirkliche, echte und gerechte Dorfkirche
aufznsuchen, und wir finden eine solche in
Tom er dingen auf der Alb. Die
St. Martiuskirche auf dem Friedhof bietet
schon von außen ein ansprechendes Archi-
tekturbild mit dem alten Satteldachlurm,
geradlinig geschlossenem Chor, der alten
Friedbofmauer mit ruudbogigem Tor.
Das Innere der Kirche war arg ver-
gangen, ist aber nunmehr in ausprecheu-
der Weise erneuert worden. Dabei kam
sehr zustatten, daß die alte Einrich-
tung aus verschiedenen Jahrhunderten
noch vorhanden war und belassen werden
konnte. Zunächst die alte gotische Balken-
und Brelterdecke. Tie Durchzugsbalkeu
mit flachem Schnitzwerk. Maler Sieben-
rock hat die Decke in alter farbiger Aür-
nier bemalt. Dann waren vorhanden
die originellen Bilder der zwölf Apostel
an der Emporebrüstung ans der Früh-
renaissance, eine schöne Barockkanzel, drei
Altäre, ebenfalls früher Barock, aber dem
Zerfall nahe. Alles blieb erhalten, wurde
aber entsprechend gefaßt und erneut. In
der Kirche wie auf beut Friedhof sind
sehr bemerkenswerte gotische Skulpturen,
ein großer Kruzifixus in einer Nische mit
ergreifendem Ausdruck, ein Martinns zu
Pferd über dem Portal, ein Oelberg; in
der Kirche eine Mutter- Anna selbdritt,
ein Martinns und eine Katharina, sowie
eilte kleine Verkündigungsgruppe.

In diesem Dorfkirchlein, das nunmehr
nur als Gottesackerkapelle dient, ist das
erfreulich und herzerquickend, was man
bei fast allen Neubauten vermißt: das
Vorhatldetlsein des alten Inventars. Es
mag eitle neue Kirche noch so gediegen
ansgestattet sein mit nenent Kirchen-
meublement, wie mau sich geschäftsmäßig
„gebildet" auszudrücken beliebt — es be-
rührt den Alterlumsfreitnd wie den
Heimatschutzler äußerst peinlich, auch fast
gar ttichts von der früheren Ausstattung,
von den pritiikoollen Barockaltäreu bis
zum meist gediegenen Gestühl mit den

I geschnitzten Doggen, mehr zu finden.
Alles muß neu sein und alles Alle tiluß
womöglich hinaus in die Rumpelkammer
oder zunr Händler. Es ist das tiicht
der Wille des Architekten, auch nicht
immer der Wille des Kirchherrn, sondern
sehr oft der Wille des Volkes, das hierin
einem falsch verstandenen Ehrgeiz nach-
gibt.

Diese Erscheinung fittden wir in der
hochgelegenen Kirche zu Kirchberg a.
d. Iller, OA. Biberach. Es ist ein stol-
zer Bau auf dem Kirchberge, nicht so
großartig wie die Kathedrale err minia-
ture auf dem Nerenaberg zu Hunder-
singen, aber eitle Basilika mit gewölbten
Schiffen, mit allen Vorzügen des archi-
tektonischen Könnens ihres Erbauers. Nur
schade, daß das Aeußere, tiatueutlich die
Fassade, itifolge mangelhaften Backstein-
materials schrecklich tiotgelitlen hat. Das
Innere ist wiederum ein uutadelhafter
Nautii, der auch ohne Bemalung einen
sreniidlichen unb erhebenden Eindruck
machte, durch die Bemalung (von Schiller
und Ostertueier) aber tioch gewonnen hat.
Es war bei dieser Bemalung eine Art
Konkurrenz von drei Meistern gegeben.
Bei solchett Konkurreiizetl ist die Ent-
scheidung tiach Recht mtb Gerechtigkeit
nicht immer leicht. Auch tveuu der so-
getiaunte Sachverständige nach bestellt
Wissen und Gewissen sein Urteil abgegeben,
spielen beim Kircheustislungsrat und in
der Gemeinde noch allerlei Einflüsse mit,
und schließlich wird die Arbeit einem
andern übertragen, den der Kritiklls
eigentlich nicht gewollt hat. Letzterer hat
dabei dann allerdings den Vorteil, daß er
auch keine Verantworlnng zu traget! hat.

In Kirchberg war die Wahl nicht
schwer. Schiller und Ostermeier halten
einen sehr feinen und originellen Entwurf
geliefert. Die Arbeit fiel ebenso fein
und originell aus, letzteres schon in der
neuen eigenartigen Strichtechnik, tvelche
die beiden Meister mit Erfolg anwandten.
Sämtliche Ornamente in großer Ab-
tvechslung sind zart und lieblich; die
Chorbogenwand ist mit der Datstellung
der 24 Aeltesten vor dem Lamme ge-
schmückt, d. h. 24 Kronen ans Engels-
köpfen gruppieren sich um das Lamm.
Neuerdings hat Schiller noch zwei Bilder
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