Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

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sondern auch an das K u n st schaffen in der
Gegenwart (im Text gesperrt). Tie Künstler
brauchen ein Publikum, das sie versteht und
durch ihren Beifall unterstützt" (S. 5). Diese
Lätze lesen sich mit Rücksicht auf die jetzige Zu-
sammensetzung des Werkes wie eine bittere
Ironie. Denn unter den 60 Nummern befinden
sich ganze zwei Werke der Gegenwart (von
Feldmann und Fugel), und arich diese vermitteln,
weil nicht farbig, keinerlei Vorstellung der
modernen Technik. Die Mitglieder der Gesell-
schaft für christliche Kunst werden oft in der
Lage sein, statt das einschlägige Bild des „Kirchen-
jahrs" ju gebrauchen, nach ihrer Mappe zu
greifen. Ich denke z. B., daß jeder Katechet
Reinbrandts „Auferweckung des Lazarus" ohne
weiteres durch die Darstellung von Jinmenlamp
ersetzen wird. Wir verargen es dem Verlag
durchaus nicht, wenn ihm vielleicht Umstände,
die der Fernstehende nicht kennt, enge Schranken
zogen. Aber ungerecht oder wenigstens miß-
verständlich ist der Kommentar Dr. Seipels:
„D i e Bilder zr>m Kirchenjahr sollen
nicht eigens für die Kruder ersonnen
sein. Als Lehrbehelfe freilich find solche
Bilder rveit leichter und oft arrch nützlicher zu
gebrauchen als andere. Aber hier handelt es
sich nicht um bloße Lehrbehelfe, sonderir um
Bilder, die dem Menschen für seiir ganzes Leben
lieb und bedeutungsvoll bleiberr sollen" (S. 4).
Wir stehen hier doch nicht vor einem uner-
bittlichen Entweder-oder. Hat etwa Gebhard
Fugel jede Darstellung seiner Bibelbilder erst
„eigens für die Kinder ersonnen"? Hätte die
Beuroner Schule, wenn sie ein „Kirchenjahr"
zusammenstellen wollte, ganz von vorir zu
beginnen ?

Das Wert soll dem Religionsunterricht, nicht
der Kunstgeschichte dienen. Es entspräche diesen,
Zweck, wenn einige Nummern nicht einfach
Wiedergaben der mangelhaft erhaltenen Originale
wären. Von andern Bildern (Dürers Aller-
heiligenbild, Raffaels Disputa) gibt es längst
schärfere Reproduktionen. Man wird auch einen
gelinden Zweifel darüber nicht unterdrücken
können, ob Mühlbacher seinen Lobeshymnus ans
Overbecks „Jesus der göttliche Kinderfreund"
angesichts des vorliegende,! Blattes verfaßte.
V.n Steinle, der sonst äußerst glücklich vertreten
ist, e,innert „Jesus der gute Hirte" doch zu sehr
an die Dutzendware unserer „Anstalten für
christliche Kunst".

Eine willkommene und brauchbare Beigabe
bildet die Erklärung von Dr. Ignaz Seipel.
Mit Recht hat der Verfasser von allem kunst-
historischen Ballast abgesehen. Nur in zwei
Füllen wäre eine ausgiebigere Aussprache ange-
zeigt gewesen. Zur „Bekehrung Pauli" von
Rubens glaubte der Erklärer den Kindern eine
Vorbemerkung schuldig zu sein. Eine solche
'wäre auch sonst oft am Platze gewesen und
hätte mancher Enttäuschung vorgebeugt. Dem
Fundort hätte in den Fällen sorgfältige Be-
achtung geschenkt werden dürfen, wo es sich uin
nationale Heiligtümer handelt, z. B. bei der
Erläuterung des „Jüngsten Gerichts" von
Cornelius oder der „Missionspredigt des hl.
Bonifatius" von Schraudolph.

Möge dem „Katholischen Kirchenjahr" eine
reiche äußere und innere Geschichte beschieden
sein! Nur dieser Wunsch bot dem Referenten
Anlaß, auf die vorhandenen Entwicklungs-
Möglichkeiten hinzuweisen.

Frommen Hausen. Pfv. Fischer.

DerStraßburgerBildhauerLandolin
Ohmacht. Eine kunstgeschichtliche Studie
samt einem Beitrag zur Geschichte der
Aesthelik um die Wende des 18. Jahr-
hunderts von Dr. I. Rohr, o. Professor
au der Universität Straßburg. Straßburg,
Karl Trübuer 1911. Mit 20 Tafeln.

Professor Dr. Rohr ist den Lesern dieser Zeit-
schrift kein Unbekannter. So mancher Beitrag
für sie ist in dem letzten Jahrzehnt seiner Jeder
entflossen. Auch Landolin Ohmacht, der am
11. November1760 in Dunningen, OA. Rottweil,
geborene, am 31. März 1834 in Straßburg ge-
storbene berühmte Bildhauer ist uirs kein ganz
Unbekannter. Ein Artikel von Prof. Rohr selbst,
dem Verfasser obengenannter Studie, hat vor
kurzem uns über diesen Meister der Porträt-
nnd Denkmallunft, von dessen Werken eine Aus-
stellung durch Prof. Dr. Polaczek in Straßburg
vorbereitet wild, in kurzen Zügen orientiert. Die
Studie beruht auf eingehenden Forschungen in
Archiven und öffentlichen und privaten Kunst-
sammlungen; sie ist mit ebenso viel Verständnis
als Wärme geschrieben. Man fühlt, daß lands-
männische Zuneigung dem Verfasser die Feder
geführt. Prof. Rohr hat mit seinem Werke eine
Ehrenschuld Schwabens an diesem Künstler ab-
getragen, der von Napoleon I. zum Kongreß von
Rastatt berufen, von Louis Philipp in seinem
Atelier zu Straßburg aufgesucht wurde, dessen
G. Bode mit Ehren heute noch gedenkt in einer
Zeit, die andere Kunstideale hat, als die danialige,
mit dessen Werken und Leben sich K. Simon in
Frankfurt und F Leitschuh in Freiburg (Schweiz)
beschäftigen. Ohmacht verdient die Wieder-
erweckung seines Andenkens als Künstler wie als
Mensch. Besondere Bedeutung erhält die Studie
durch den interessanten Exkurs über das Suchen
und Ringen nach neuen Formen heraus ans den
unmännlichen Fesseln des Rokoko, auf Winkel-
manns Bestrebungen als Propheten und Heroldes
einer neuen Kunstepoche. Ohmacht hatte die
neuen Ideen, den Geist der Antike, bei einem
Aufenthalte in Rom als Schüler des gefeierten
Canora in sich ausgenommen; auch strebte er
besonders in seinen Porträten mit Erfolg Natur-
wahrheit an, ohne indes vom Alten ganz los-
zukommen. Er war in der Hauptsache Klassizist;
Pfadfinder wurde er nicht. Eine gewisse Weich-
heit wurde an Ohmachts Werken wohl nicht ganz
mit Unrecht getadelt soivie Anleihen bei früheren
Künstlern. Auch letzteres verschweigt die Studie
nicht, ein Beweis, daß der Verfasser mit Ob-
jektivität arbeitete und gegen die Schwächen seines
Helden nicht blind war. Die gediegene Arbeit
sei hiemit allen Kunstfreunden warm empfohlen,
zumal auch Druck und Ansstattnng Anerkennung
verdienen.

Heidenheim. Stadtpsr. Dr. Ehr. Erhärt.

Stuttgart, Buchdruckerei der Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt".
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