Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

Seite: 53
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Der Einfluß des Orients auf die
Ausbildung der chrifllichsn Kimft
des Abendlandes.

Von Prof. Or. Ludwig Baur, Tübiitgen.

In der Frage, die in der Ueberschrift
enthalten ist, darf' ich mir nicht mehr zu-
messen, als ein kurzes, übersichtliches Re-
ferat geben zu wollen, das die Leser
unseres „Archivs" einführen soll in ein
Problem, das unsere ganze bisherige Auf-
fassung von dem Entwicklungsgang der
christlichen Kunst ans vollständig andere
Grundlagen stellt. Seit mehr als zehn
Jahren sehr eifrig besprochen, ist es all-
mählich zu einem Ergebnis geführt worden,
das, wenn auch nicht in allen Einzelheiten
sichergestellt, doch in seinen Grundzügen
erkennbar und als erwiesen angesehen
iverden darf. Daher war es durchaus
berechtigt, daß ?. Dr. Beda Klein-
s ch midt in seinem sehr empfehlenswerten
„Lehrbuch der christlichen Kunstgeschichte"
von den Ergebnissen dieser Untersuchungen
ausging und sie als der Hauptsache nach
erwiesen betrachtete.

I. Der Stand der Frage.

In der bisherigen Darstellung der Ent-
wicklung der altchristlichen und der karo-
lingisch-romanischen Kunst ging man fast
immer von der in Rom heimischen Knnst-
tradition ans. Von ihr ließ man im
wesentlichen die künstlerischen Aeuße-
rungen der christlichen Kunstentwicklung
ansgehen und mit ihr znsammenhängen.
Man erkannte Rom in der Architektur
wie in Malerei und Plastik unbedingt
den künstlerischen Primat zu. Von die-

sem Gesichtswinkel ans wurde auch die so
viel verhandelte Frage nach dem Ursprung
der altchristlichen Basiliken in Angriff ge-
nommen. Man ging bei der Darstellung
in kunstgeschichtlichen Lehr- und Hand-
büchern wie in der allgemeinen Kirchen-
geschichte von einem architektonischen
römischen Rormaltypns ans, von dem
man einzelne architektonische Varianten anf-
zählte, ohne zu erkennen, daß man es viel-
fach mit abweichenden Bantppen sehr ver-
schiedener Provenienz bezw. deren Einflüssen
zu tun hatte. Daneben kannte man noch
Byzanz und A l exa n d r i e n. Was man dort
an kirchlichen Kunstbauten, an Mosaiken,
an Elfenbeinplastik und Emailknnst vor-
fand, betrachtete man als einen in sich ge-
schlossenen künstlerischen Typus, der
antochthon byzantinischen Ursprungs sei.
Auch Byzanz erkannte man einen nicht
unerheblichen Einfluß zu und lokalisierte
ihn besonders ans Süditalien, Ravenna
und das venezianische Küstengebiet.

Eine Aendernng in dieser Auffassung
wurde wenigstens ferne angebahnt, als
de Vogüe im Aufträge Napoleons III.
seine epochemachenden Forschungsreisen
nach Syrien unternahm und seine Resul-
tate in dem hochwichtigen Werk La Syrie
centrale niederlegte. Damit war man
nunmehr in der Architektur und orna-
mentalen Plastik ans ein Gebiet gekommen,
das ganz charakteristische Formen der
Knnstgestaltnng anfwies.

Allein man gewann zunächst noch
keine rechte Verbindung dieser Knnst-
stätten; sie standen nebeneinander. Ihr
gegenseitiges Verhältnis blieb unklar.
Die Abhängigkeitsfrage wurde teils nicht
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