Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

Seite: 55
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Tie früheste christliche Kunst trägt
hellenistisches Gepräge. Ihren Ausgangs-
punkt bildete Alexandrien. Der alexan-
drinisch-hellenistische Charakter läßt sich
in mehrfacher Hinsicht auch in den Ka-
takombenmalereien Nachweisen. Gewöhn-
lich vergleicht man sie mit den pompeja-
nischen Wandmalereien. Diese aber sind
selbst wieder von Alexandrien ans beein-
flußt ch.

Ein solcher Einfluß kann nicht auf-
fällig erscheinen: nicht nur darf an die
Beziehungen der akrostichischen Erklärung
des lyßvc, zil Alexandrien, näherhin ale-
xandrinischen jndenchristlichen Kreisen er-
innert werden, sondern neuerdings hat
auch Le Blaut den Nachweis erbracht,
daß die Vilderanswahl und Anordnung
der römischen Katakombenmalereien viel-
fach in Zusammenhang gebracht werden
müssen mit den ans alexandrinisch jnden-
christlichen Kreisen staiilmenden Gebeten
der Commendatio animae2). Eine
Aendernng in der knnstgeschichilichen Vor-
herrschaft Alexandriens trat ein mit dem
3. Jahrhundert. — Wie ans dem Ge-
biet der theologischen Wissenschaft, so trat
auch ans dem der kirchlichen Kunst An-
tiochien mit Jerusalem an Bedeu-
tung hervor. Syrien iibernimmt die
Führung und ivirkte namentlich auch durch
seinen Export syrischer Künstler und Knnst-
erzeugnisse sehr stark auf die spätrömische
Kunst ein.

Ans k l e i n a s i a t i s eh e in Boden
sodann bereitete sich eine charakteristische
und sehr eifrig gepflegte Kunstrichtung
vor — insbesondere ans Dem Gebiete der
Architektur — teilweise auch der Plastik
—, welche zn der Vollhöhe auf byzan-
tinischem Boden heranreifte itnb in der
Form der ansgereisten byzantinischen Kunst
bei der internationalen Bedeutung Kon-
stantinopels zn ganz einzigartiger Be-
deutung heranwnchs.

Die Ansichten Strzygowskis über
die byzantinische Kunst faßt er selbst^ * 3

/) Vgl. darüber Strzygowsky, Aiüioche-
nische Kunst im Orlens eNrlstiLnus II (1902)
421 ff.

VLl. K. Michel, Gebet und Bild in früh-
christlicher Zeit. 1902.

3) I. Strzygowski, Die byzantinische Kunst.
(Byzant. Zeitschr. 1892, S. 61—73.)

dahin zusammen: „Bis ans Konstantin
wandelt die Kunst im Orient und Okzident
gemeinsame Bahnen; dann übernimmt die
in Konstantinopel neu entstandene byzan-
tinische Kunst die Führung unb dringt in
Jnstinians Zeit znnl Höhepunkt und all-
gemeiner Herrschaft durch. Das, was sie
bis dahin geschaffen hat, wird, von der
figürlichen Montlinentalplastik abgesehen,
zn allen Zeiten in Byzanz festgehalten,
der Okzident aber llnterliegt seiner Alters-
schwäche und der Invasion der germani-
schen Barbaren, deren Ornamentgeschmack
im 8. bis 10. Jahrhilndert auch die
moilnmeiltale Kunst beherrscht."

So vervollständigt sich für uns das
Bild des altchristlichen Kunstschaffens imb
der Orient erhält iit dem Gesamtbilde
der Entwicklung die Bedeiltnng ivieder,
die ihm tatsächlich zukam. — Neben Rom
steigen die Basiliken Nordafrikas, steigt
Aegypten, Palästina, Syrien, Kleinasien
itnb das konstantinopolitanische Knltnr-
gebiet (einschließlich Mazedonien) Wieder-
aus Schlllt und Vergessenheit empor.
Die nächste Ausgabe der knnsthistorischen
und der archäologischen Forschung ivird
sein, den künstlerischen Spuren der großeil
Metropolen des christlichen Orients nlit
gleicher Liebe und Intensität nachzngehen,
welche man bisher schon der Erforschung
der römischen Kllnst zngeivandt hat.

Damit aber erschöpft sich für Strzy-
gowski die Bedeiliilng der altchristlichen
Kunst des Orients noch keineswegs. Ihr
Einfluß tritt erst in vollstes Licht, wenn
man ihre Ansstrahlilngen ins gesamte
Knllnrgebiet des Abendlandes ins Ailge
faßt und im einzelnen nachweist. Hatten
ivir bisher die Neigung, das karolingische
Bailivesen — insbesondere wie es in der
Pfalzkapelle zn Aachen in die Erscheinung
tritt — mit Italien, speziell Ravenna in
Verbindung zil bringen mtb einen ent-
iv icklnngsgeschichtlichen Zusammenhang zwi-
schen dem römischen altchristlichen Basi-
likenball lind der romanischen Basilika
festznhalten, so nimmt nunmehr Strzy-
gowski ein llilmittetbares Einströmen
orientalischer nitb speziell kleinasiatischer
Bauformen ans zwei Wegen an, die weder
Roill noch Byzanz berührten, nämlich
über Ravenna, Mailand einerseits, über
Marseille anderseits.
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