Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

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Für Aachen lehnt Strzygowski die Vor-
bildlichkeit Ravennas ab unb faßt seine
Anschauung kurz dahin zusammen: „Ich
bin der Ueberzeugung, daß in der fränkischen
Kunst eine viel stetigere mtb sormkräf-
ligere Fortentwicklung der aus den helle-
nistischen Metropolen nach Gallien ge-
leiteten Anregungen im christlichen Kir-
chenbau zutage trat, als in Ravenna, vor
allem deshalb, weil Ravenna eben dauernd
nichts anderes als ein Ableger der helleni-
stisch-byzantinischen Kunst blieb, während
in Frankreich sehr balb ein neuer Anstoß
von seiten der Klostertradition, d. h. vom
eigentlichen orientalischen Hinterlande ans-
ging." Insbesondere betrachtet er Trier
als Zentrum einer orientalisch-hellenistischen
Kunst im Norden, da es wiederholt Resi-
denz der römischen Kaiser war.

Strzygowski postuliert also eine be-
sondere gallo fränkische Kunst als
Zwischenstufe zwischen orientalischer (klein-
asiatisch-byzantinischer unb syrischer) und
karolingisch-romanischer Kunst. Diese
galkofränkische Kllnst war nach ihm von
der Kirche Galliens aitsgegaugen, die
ihrerseits von den hellenistischen Metro-
polen ans gegründet rvorden ivar, unb
ivar noch verstärkt rvorden durch die direkt
vonr innern Orient nach denr Franken-
reich über strömende Bautraditiou der Klö-
ster. „Diese große Beivegrrng erhielt durch
Karl einen mächtigen Ansschwung rrach
der nationalen Seite und nahm dann
allmählich eine Fornr an, welche nur den
romanischen Baustil nennen. Die christ-
lichen Bantypen an sich aber sind in
ihrer reichen Mannigfaltigkeit fast alle
vom eigentlichen Orient ans importiert
rvorden. Die Residenz aur Bosporirs
muß rvie Thessalonike rrnd die beiden
oberitalischen Metropolen Ravenna rrrrd
Mailand betrachtet rverden als eine koor-
dinierte Ausstrahlung derselben Kuustkraft,
die seit vorrömischer Zeit über Rlar-
seille nach denr Norden zog" ch.

Diese These Strzygowskis blieb nicht
unwidersprochen. Der Widerspruch richtete
sich im allgemeinen weniger gegen den
Grundgedanken, als gegen die Einzelheiten
seiner Durchführung. — Eine völlige Ab-
lehnung — indes in ganz unzulänglicher

') I. Strzygowski, Der Dom zu Aachen
und seine Entstellung. Leipzig 1904, S. 24.

Weise - versuchte V. S chultz e. Gegen
den zweiten Teil der These (g allo-
fränkische Kunst) wurde vor allem
eiugewaudt, daß die Mittelglieder der
Entwicklung fehlen, und daß die Nocella
di Sqnillace, auf welche Strzygowski
sich berief, sich mühelos in die unter-
italische Architektur des 12. Jahrhunderts
einfügt, so daß ihre Herleitnng ans dem
Kirchenbau der Basilianer recht gezwungen
sei (Wulff). Auch Reber äußerte Be-
denken hinsichtlich des Einflusses des
kleinasiatischeu und nordostafrikanischeil
Binnenlandes, da von Strzygowski der
Verkehr dieser Gebiete mit Südfrankreich
und die „Kulturmission" der Mönche im
Abendlands überschätzt werden. Daher ist
es nötig, nunmehr ans die Gründe im
einzelnen zu achten, mit welchen Strzy-
gowski seine Doppelthese stützen zu können
glaubt. (Fortsetzung folgt.)

Die letzten Lselfensteiner und das alte
Ave-UIariakirchlein im „Tale".
Beiträge z n r K n n st - und K i r ch e n-
g e s ch i ch t e des oberen F i l s t a l s ans
denr vatikanischen Archiv.

Vou Dr. Autou Nägele, Niedlingeu.

Einen Baustein zur Geschichte der alt-
ehrwürdigen Wallfahrtskirche Ave
Maria im sog. „Geißentäle" bei Deg-
gingen ans Rom mitbringen zu können,
hat nicht nur dem Finder große Freilde,
größere als bloß die an verstanbteil Archiv-
schätzen, bereitet, es hat ailch das neu-
gierige Interesse vieler Freunde dieses
romantischen Heiligtums diesseits wie jen-
seits vom Rechberg und Hohenstaufen erregt
und vermehrt. Seine unerwartete Anf-
fiuduug im vatikanischen Archiv
ans Anlaß ganz andersartiger Forschungen
sollte nicht die erste und nicht die letzte
Frucht einer mit Staatsstipendiunl im
Winter 1908:09 unternommenen Studien-
reise in Oesterreich und Italien sein, auch
wohl nicht die geringste neben den größeren
wissenschaftlichen Studien und Arbeiten,
deren Ergebnisse nicht ivie dieser kleine
Fund von einem glücklichen Zufall ab-
hingen : Habent sua fata libelli — auch
die oft von den wichtigsten historischen Ent-
deckungen begleiteten Urkundenfunde be-
rühmter Forscher. Wenn nach des Dreizehn-
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