Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

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bilden. Nach Kepplers „Kunstaltertümer
Württembergs" ch gehört er wohl der
Nenaissancezeit an, während die Taube
oben romanisch sein könnte. Desgleichen ist
ans „Ave Maria", dem neuen und
wohl auch deur alten Kirchlein, die jetzt
in der Lorenzkapelle in Nottweil befind-
liche altdeutsche Skulptur (Nr. 43) ver-
schleppt worden.

Doch ans drei andere Bilder, die an
Ort und Stelle bleiben durften oder viel-
mehr mußten, leider aber nirgends näher
beschrieben sich finden, müssen wir noch
einen Blick werfen, ehe wir von der
jetzigen Wallfahrtskirche, der Perle des
Filstals, Abschied nehmen und mehrere
Jahrhunderte höher hinanfsteigen, höher
hinaus auch ans der Bergeshöhe, von wo
Ave Maria herabschaut; denn weiter
bergauf stand das alte Wallfahrtskirch-
lein. Die beiden Seitenaltäre, die
nahezu ein halbes Jahrhundert später
mit der Kanzel ausgestellt witrden, aber
erst einige Zeit hernach gefaßt und mit
reichem Stnckmarmor bekleidet wurden,
vielleicht gleichzeitig mit der Ausmalung
durch Wannenmachers Meisterhand, um-
schließen je ein großes A l t a r g e m ä l d e:
auf der Evangelienseite eine lebensvolle
Kreuzigungsgruppe, auf der Epistelseile
die Weihnachtsszene „Geburt Christi".
An der Wand beim Eingang hängt ein
Tafelbild, das die Verkündigung Mariä
darstellt, also das Geheimnis, von beut
die alte wie die neue Kirche den Namen
hat. Nach der Signatur ist es von bem
Niederländer M artin van Balken-
borch gemalt.

Ueber diesen Künstler ist in den großen
Kunstgeschichten und selbst in Naglers
Künstlerlexikon nichts zir finden. Der
Findigkeit des Venediktirrers ?. Ansgar
Pöllmann, der gerade in Dresden neben
anderein Kunststudien oblag, verdanke ich
die Mitteilung, daß in der K. Gemälde-
galerie in Dresderr ein Bild Valken-
borchs aufbewahrt ist, und so ließen sich
weitere Spuren von Werken dieses so
wenig bekannten Niederländers anssuchen.
Nach den Angaben des Katalogs der
Galerie ist Martin van Valkenborch gu
Me che ln im Jahre 1542 geboren, sein

') S. 114.

Todesjahr ist unbekannt '). Auch sein
älterer Bruder Lukas van Valkenborch
war Maler und wurde der Lehrmeister des
jüngeren Martin. Dieser trat 1559 der
Mechelner, dann 1664 der Antwerpener
Gilde bei; später zog er nach Deutschland.
Das Gemälde der Dresdener Galerie
trägt die Signatur: MARTIN VAN
VÄLCKENBORCH FECIT. ET
INVENTOR. 7

1559

Es stellt den Turmbau von Babel
dar. In der Kaiserlichen Gemäldegalerie
in Wien ist ein Zyklus von 11 Gemälden
desselben Meisters, bezeichnet: “V) sie stellen
11 Monate dar mit Ausnahme des
Dezember. Nach dem Wiener Verzeichnis
starb der Künstler Maerten van Valken-
borch nach 1604. (Mehr über den Meister
und seine Degginger Gemälde ein ander-
mal.)

Ueber jene drei Bilder der Kapelle
enthält das „Saalbnch" von Ave Maria
die uns hier besonders interessierende
Angabe: „Dieses und das folgende

Allarblatt nebst einem weiteren Tafel-
stück, so an der Wand gegen Mittag
nächst dein Eingang stehet und den eng-
lischen Gruß vorstellet, hat ehemals ein
Graf von Helsen st ein ans Nom hierher
gebracht und dem Ave Maria gestiftet,
deren Mahlerep sehr kostbar und künstlich
ist." Ein neues Band, das jüngere und
ältere Vergangenheit, alten und neuen Ban
verknüpft! Es schlägt die wertvolle und
natürlich weit spätere Notiz des „Saal-
bnchs" auch die Brücke zu unserem vati-
kanischen Dokument und seinem Auf-
schluß über die ältere Helfensteiner Stif-
tung sowie den letzten Sprossen des Ge-
schlechts. Wer ist der Stifter des sehr-
kostbaren, künstlichen Tafelstückes? Das
Werk des zeitgenössischen Meisters kann
nur entweder Graf Heinrich sein, der
am 12. Dezember 1626 * 2) unvermählt
auf einer Jtalieureise in Nonr starb, —
ob seines jugendlichen Alters wohl die

0 Neher S. 15 gibt ohne Quelle „gestorben
1636" an.

2) Also nicht im gleichen Jahr wie sein Vater
Graf Rudolf, wie fälschlich Nehers Wallfahrts-
bnchlein S. 23 bemerkt. Im gleichen Jahr 1626
starb mit Graf Georg Wilhelm auch die Neufraer
Linie aus.
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