Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

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erste und letzte Nomfahrt ohne Heimkehr
— oder eher sein Vater Graf Rudolf, Sohn
Ulrichs, des Nesormators und Konvertiten
Enkel, der von 1601 bis 1627 die
Herrschaft Wiesensteig inne hatte und am
20. September 1627 starb. So wäre
also der Sohn des Absenders unseres Papft-
briess als der Donator nach der Lebens-
zeit des Künstlers aur ehesteil anzunehmen;
doch iväre anch der StanlUlhakter der
drittletzten Generation der Helfeusteiner,
Graf Nildolf, der 1601, nso 5 Jahre
nach Abfassung unseres rönlischen Dokn-
ments, starb, nicht absolut ausgeschlossen.
Nomfahrten sind freilich von diesem nicht
ansdrücklich berichtet. Danken wir der
Pietät der Degginger Vorfahren, daß
ivenigstens diese Kleinodien in die neue
Kapelle und die neue Zeit herübergereltet
rvorden sind!

Monumentale Ueberreste haben rrns so
von der Existenz einer alteil Wallfahrts-
kirche bei Deggingen Kunde gebracht, die
durch Doknmeute, weniger lebeilsvolle Zerr-
gen der Vergangenheit für die meistens
sehen, iiicht lesen wollenden Wallfahrer
sicher bezeugt ltub deutlicher bestätigt wird.
Nnnnlehr ist der Weg gebahnt zrr de»l berg-
aufmärts bereits im Schatten grüner
Wälder liegeiideil Kapellchen, das winzig
klein etwa 200 m oberhalb der jetzigen
Ave-Mariakirche steht iliid D rei satt ig-
le i t s k a p e l l e genaniit wird. Schon die
alte von Stälin 1812 verfaßte Veschreibllng
des Oberaurts Geislingen ch rveiß zrl be-
richten, daß inan die neben der Kirche
stehende alte Kapelle zrrr heiligen Drei-
faltigkeit eingeheu läßt und es ilntersagt
ist, darin Blesse zu lesen. Doch ist bis
heilte die eine Angabe des berühmten
Historikers von Württemberg nicht ver-
lvirklicht worden, rmd hat das Kapellcheil
bei aller Vaufälligkeit Wind und Wetter
vom HinlNlek ruid — oom Bureankraten-
tisch sieben Jahrzehnte lang getrotzt;
glücklicherweise, sonst wäre jetzt das alte
„Ave Maria" um einen steinernen Zeugen
ärmer. Ich freute mich zu lesen, wie
Ne Hers und anderer Vermutung, dieses
Miniatnrheiligtuin sei nichts anderes als
der Chor des alten Kirchleins im „Saal-
bnch", ohne allen Zweifel ihre Le-

>) S. 172.

stätignng gefunden hat. Danach ist so-
wohl der Name Dreifaltigkeitskapelle
leicht anfznklären, wie der Abbruch der
früheren Wallfahrtskirche zu begründen.
Deren jedenfalls besser erhaltener Chor
blieb stehen, das baufällig gewordene,
architektonisch wohl noch ärmere Schiff
wurde abgebrochen, und um besseren Platz
llnd größeren Naunl für beu Neubau einer
größeren Kirche und der ursprünglich ge-
planten, heute noch in den beiden Ecken
der Westseite in Ansätzen sichtbaren zwei
Türme zu gewinnen, wurde der Bau-
grund talabwärts ausgesucht. Die wichtige
Stelle im „Saalbnch" heißt: „Diese

Kapelle (die erste Wallfahrtskirche) ist
schon vor ohufürdenklichen Jahren erbaut
worden, und war die alte abgebrochene
Kirch an solche angestoßen. Darinnen
stehet ein Altar, so ehevor in der alten
Kirch gewesen, mit der hl. Drepfallig-
keit" I.

Da kaum ein Zweifel an der Nichtigkeit
dieser durch den alten und neuen Chronisten
des Wallfahrtsortes gestützten Annahme
besteht, so wäre nicht nur das Ob, auch
das Wo für die Vorgängerin des heutigen
Ave Maria gelöst.

Wenn wir zu der Frage nach dem
Wann übergehen, welches sind die
„ohufürdenklichen Jahre", vor denen
nach des allen Chronisten Wort die alte
Wallfahrtskirche gegründet wurde, deren
Chörlein noch oben steht aur Waldes-
saum, mit denen wohl anch die Wall-
' fahrt überhaupt ihren Anfang genommen
haben dürfte? Der Nest des allen Bau-
werks scheint durch Stil oder Inschrift
keinen näheren Aufschluß zu geben. In
den „Kuustaltertümern Württembergs"
hat die Dreifaltigkeitskapelle gar keine
Erwähnung gesunden. Einen festen
chronologischen Stützpunkt für den ter-
minus ante quem gibt die Stiftung
der Kaplaneipfrüude, deren Wortlaut in
der Helfeusteiner Urkundensammlung leider
nicht überliefert ist. Oswald Gabel-

0 Steher a. a. O. S. 4. Der neben Pein alten
Kirchlein aus dein Gestein fließende Ave-Maria-
Brnnnen, von jeher als Heilquelle benützt, wurde
1892 durch eine Lourdesgrotte überbaut. Neben
der alten Kirche stand auch das alte Kaplanei-
haus, aus dessen Fundainente man t 892 bei dein
Bau der Grotte stieß. Neher S. 19.
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