Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

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Aufsatz aus Fachwerkbau. Der Turm ist
älter als das Laughaus, hat uuteu schmale
taugliche Lichtöffuuugeu, obeu in zwei
Stockwerke)! gekuppelte Nuudbogeufeuster
mit Würfelkapitäl der Mittelsäuleu. Die
Westmaud ist späteres Flickiverk, eiuzelue
Teile des Laughauses sind verändert uud
ein Dach tu gotischer Zeit aufgesetzt wor-
den, das den Bau schwer schädigte. Der
achteckige Taufstein ist gotisch, ebenso die
Emporen. Die zwei alten Glocken von
1416 uud 1426 sind im Jahre 1894
umgegossen worden.

1892 drohte die Kirche eiuzustürzeu. Bau-
rat Stahl entdeckte nun die Wandmale-
reien der Ostwaud im Juni 1892. Der
Staat kaufte das Langhaus §n 12 000 M.
und den Turm zu 4000 M. Im Som-
mer 1892 ließ Laudeskouservntor Dr.
Paulus die Tünche der Bilder entfernen
uud Pausen an fertigen durch die Maler
Haaga uud Feucht (das Weltgerichtsbild
jetzt in der Kgl. Altertumssammlung
Stuttgart, Kopie von Haaga). Auch bei
Weber und Keppler ist das farbige Welt-
gerichtsbild ausgenommen. Jil Richard
Borrmauns Werk ist eine sehr gtite Auf-
nahme des Weltgerichts in Burgfelden von
Hans Kolb, Direktor der Stuttgarter Kuust-
gewerbeschule. Ebendaselbst von Kolb zwei
schöne Oberzeller Aufnahmen. Die Kirche
erhielt zuerst im September 1892 ein
Notdach, im Herbst 1893, erst M/2 Jahre
nach Aufdeckung der Wandmalereien, ein
wetterfestes Dach aus Pappe. Die Bilder
haben deswegen sehr stark gelitten, weil
kein Dach sie schützte.

Das Langhaus der Kirche trägt auf
einem 2,40 m hohen fortlaufenden Fries
figürliche Darstellungen. Die Höhe der
Malzoue beträgt 1,40 m, die menschlichen
Figuren haben zwei Drittel Lebensgröße.
Oben läuft ein Mäander, unten eine drei-
fache Borte. Dieser Fries gehört dem
11. Jahrhundert au. Er ist leider nicht
mehr vollständig erhalten. Die Westwaud
fehlt, anderes ist zerstört worden bei Eiu-
und Umbauten. Wir betrachten nun die
erhaltenen jetzigen Wandmalereien nach
Weber uud Keppler.

1. An der Ostwaud ist das bedeu-
tendste, eindrucksvollste Bild: D a s j ü u g-
st e Gericht, welches sich 2,40 m breit
über den oberen Teil der Ostwaud hin-

zieht, unb in den Nebenszenen sich auch
noch auf die Laugseiteu ausdehut. Mitten
thront der Richter in der Maudorla, auf
dein Regenbogen die uubeschuhten Füße,
Angesicht bartlos, ernst, streng, jugendlich,
Hände ansgebreitet, mit einfachem Unter-
gewaud und rotem Mantel, beut Beschauer
zugeweudet, die andern 40 Figuren au
Größe überragend. Zwei Engel, in die
Mandorla hereiurageud, halten ein großes
gelbes Kreuz vor den Richter. Es hat
Ansätze von Aesteu wie im Reicheuauer
Gerichtsbild. Rechts und links von der
nuteru Spitze der Maudorla blasen je
zwei Engel energisch die Gerichtsposauneu,
die Toten erheben sich aus ihren Steiu-
särgen in lebhaftester Bewegung. In der
obern Zone ist das Urteil bereits gefällt.
Rechts beivegt sich der Zug der Seligen,
darunter ein König ltitb ein Bischof, zum
Tor des Himmels, von welchem samt
Petrus mit Schlüssel fast nichts mehr
erhalten ist. Vor dem Tor steht Sankt
Michael, der Wächter des Paradieses,
mit großen Flügeln, Schwert uud Lanze,
ein Engel führt ihm die Seligen zu.
Links von Christus ist die Gruppe
der Verdammten, welche ein Engel mit
langer Schaststauge wegstößl. Ein kleiner
grüner Teufel hilft ihm, ein langes Dolch-
messer nach dem letzten der Schar stoßend,
welcher vor Jammer die Hände zusammeu-
schlägt, einer trägt ein Gefäß wie eine
Weinbutte. Ein großer Teufel zerrt die
Verworfenen an einem großen um den
Hals laufenden Strick zur Hölle, er bläst
auf einem Horn. Die Verdammten kehren
sich dem Weltrichter zu. Ein kleiner
Teufel mit Peitsche erwartet sie, aus den
Flammen tauchen einige Köpfe hervor,
unten einzelne Glieder der Kette, mit
welcher der Satan gebunden ist. Die
fünf horizontalen Farbenzoueu des Mal-
grunds: unten ockergelb, dann rot, ultra-
marin, wieder gelb uud hellgrün wirken
jetzt noch kräftig und harmonisch zusam-
men.

Von den an die Hölle anstoßenden
Bildern der Südwand ist nur wenig
erhalten. Nach Weber ist das erste Bild
der reiche Prasser in der Hölle, dann
folgen drei Kämpferpaare, sehr zerstört
teilweise, vielleicht der Kampf des Gog
uud Magog (Offenb. 20, 7 f.), bann der
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