Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

Seite: 63
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Sturz Satans durch St. Michael und
das Lamm auf Sion, der Geheimen Of-
fenbarung entnommen (14, 1 und 17, 14).
Dann folgt das Gastmahl des Prassers,
schadhaft; er tafelt mit fünf Tischgenossen,
rechts die Dienerschaft: ein Diener mit
Schüssel tind Stab, ein Mädchen mit
einer Schüssel, ein zweiter Diener hoch-
erhoben eine Schüssel haltend. Im Ge-
mach daneben die Leiche des Prassers,
beklagt von mehreren Personen, oben ein
Teufel, um seine Seele zu erhaschen.
Daneben Neste: Lazarus in Abrahams
Schoß von Engeln getragen.

An der Nord wand, nimmt Weber
an, war einstens das Bild des Lazarus
in Abrahams Schoß. Man sieht nur
einen bärtigen Kopf und fünf kleine nackte
Gestalten, die den Lazarus umgeben.
Dieses Bild ist in gotischer Zeit über-
malt worden durch die Kolossalsignr des
hl. Christophorus. Die nächste, nicht
figurenreiche Szene ist nicht mehr zu er-
kennen. Daneben zehn Propheten, vier-
gut erhalten, die andern schadhaft, bärtig,
mit spitzen Judenhüten, welche von den
Arabern als Kennzeichen für die Inden
vor Schlrrß des ersten Jahrtausends schon
eingeführt worden sind, ähnlich wie in
Niederzell mit Schriftrollen in Händen,
und mit Mänteln, es waren früher sicher
zwölf. Sie haben das Weltgericht vor-
hergesagt und urit Seherangen vorans-
geschant. Dann folgt eine Waldszene:
von rechts naht ein Reiter, man sieht
nur den unteren Teil seines linken Fußes
und die vordere Hälfte des Pferds. Drei
Männer, einer mit Schwert, einer mit
einer Stange, lauern auf ihn hinter dem
Gesträuch; daneben der Ueberfall des
Reiters durch diese drei Mordgesellen.
Der vorderste hat ihn am Schopf gepackt
und zerrt ihn vom Pferde, der mittlere
faßt ihn am Rücken und zückt das Schwert
gegen ihn mit der Rechten, der dritte
schwingt eine Stange gegen ihn. Alle
tragen, wie die Seligen und Verdammten,
die deutsche Barlerntracht des 11. Jahr-
hunderts, Kittel, die bis zu beit Knien
reichen und den Hals frei lassen. Der
Wald ist angedeutet durch Stauden mit
stilisierten Blättern und Knollen und durch
einen Hirsch, der einen Zweig benagt
(Weber S. 32).

Was bedeutet diese letzte Doppel-
szene? Paulus (Festschrift z. 50 jährigen
Jubiläum des Württ. Altertumsvereins,
S. 22) und andere schwäbische Autoren
deuteten sie auf einen profanen Vorgang,
nämlich aus die Ermordung der zwei
Grafen Burkhard und Wezil von Zollern
im Jahre 1061, welche Bertold von Kon-
stanz in einer Reichenaner Chronik kurz
belichtet vlit denl Eintrag: ,,8uvlrardris
et Wezil de Zolorin occiduntur 1061."
Ein derartiges weltliches Bild im reli-
giösen Zyklus zu Burgfelden ist aber,
vollends für jene Zeilen, undenkbar. Der
Ueberfallene ist wehr- und waffenlos,
Grafen tragen keine Banernkittel, sie
können auch ebensogut im Kampfe gefallen
sein, statt durch meuchlerischen Ueberfall.
Nein, die Szenen stellen zweifellos die
Parabel dar vom barmherzigen Sama-
ritan bei Lnk. 10,30 ff. (Auszug, Anf-
lanern, Ueberfall). Die dritte zerstörte
Sz en e, welche folgt, stellte wahischeinlich
dar die Hilfeleistung des barmherzigen
Samaritan. So bildet diese Parabel vom
Werk der Barmherzigkeit das Gegenstück zu
den drei Szenen vom unbarmherzigen
Prasser. Aehnliche Darstellungen der Pa-
rabel vom barmherzigen Samaritan finden
sich um das Jahr 1000 in der Miniatnr-
handschrift der Münchner Staatsbibliothek
Nr. 23 338 und im Gebetbuch Heinrichs II.
Cimelie 58, 167 b in München.

(Fortsetzung folgt.)

Literatur.

E l l w a n g e r Jahrbuch. Ein Volksbuch
der Heimatpflege für deu Virugruud und
das Ries. Mit 11 Origiualsederzeichuungen,
41 weiteren Abbildungen und einer Karte.
Herausgegeben vom Geschichts- und Alter-
tnmsvereiu Ellwangeu in Verbindung mit
dem Lauchheimer Geschichts- und Alter-
tumsverein. I. Jahrgang 1910, Bücher,
Ellwangeu, 137 S., geheftet 1,50 M.,
gebunden 1,80 M.

Das heißt man Heimatkunde und Heimatkunst,
Heimatschutz und Heimatpflege auf rechte Weise
treiben, wie es dnrch dieses Jahrbuch in Ell-
wangen und Lauchheiin geschieht. Das kleine
Ellwangen und das noch kleinere Lauchheim
könnten manchen größeren Städten zum an-
eifernden Beispiel sein. Was diese Städte leisten
in dieser Hinsicht, sollte doch anderen auch möglich
sein. Ellwangen hat in kurzer Zeit sich ein recht
respektables Altertumsmuseum eingerichtet. In
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