Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

Seite: 66
DOI Heft: 10.11588/diglit.16251.34
DOI Artikel: 10.11588/diglit.16251.35
DOI Seite: 10.11588/diglit.16251#0075
Zitierlink: i
http://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/afck1911/0075
Lizenz: Creative Commons - Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen
0.5
1 cm
facsimile
66

schichtliche Ansfassttng dahin ging, daß
die altchristlichen (abendländischen) kreuz-
förmigen Zentralballten ans dem runden
oder quadratischen Kuppelbau heraus
entwickelt ivorden seien, denen man Nischen
oder Arme in Krenzesfornt aus symbo-
lischen Gründen angefügt habe, glaubt
Strzygowski zu der Annahme berechtigt
zil sein, daß vielmehr soche helleni-
stische kreuzförmige Graban-
l a g e n, wie sie P a l m y r a und A l e x a il-
drieli zeigen, die Vorbilder für diesen
architektonischen Typus geworden seien,
und daß die Kuppel erst als lveiteres
Ausstattungsstück hinznkam.

Aber auch in ikonographischer
Hinsicht betrachtet Strzygowski diese
Grabanlage von Palmyra als direkt vor-
bildlich für die Entstehung der christlichen
Engeldarstellnngen und eilies ge-
wissen Madonnen typ ns. — Die male-
rische Dekoration dieser Grabanlage
stammt wohl noch ans dem dritten Jahr-
hundert. Sie zeigt gefliigelte Viktorien
(Niken), die ans blauen Kugeln stehen
nlid mit erhobenen Armen über dem
Kopf die Bilder der Verstorbenen in runder
Fassung tragen. Während S t n h l f a u th
die Anschauung verfocht, daß der flügel-
lose Engel erst unter Vermittlung der
Einführung der Evangelistensymbole sich
auch in Nom zuerst zum beflügelten
Engel heransgebildet hat lind von hier
ans ca. 395 weitere Verbreitung fctub1),
sieht Strzygowski Kleinasien und Syrien
als das eigerrtliche Entstehirligsgebiet der
Engeldarstellnngen an. Er kann sich dafür
ans die Tatsache berufen, daß der Engel-
knlt ganz besonders in Syrien und Klein-
asien verbreitet war. In diesen spät-
hellenistischen Niken von Palmyra erkennt
er die direkten Vorbilder der christlichen
Engeldarstellungen.

Aber ivie schon I. P. Richters ganz
richtig hervorgehoben hat, steht diese

E Auf diese Frage iverdeu wir später noch
einmal zurückkommeu müssen. — Hier nur eine
Gelegenheitsbemerkung: Schon an diesem Bei-
spiel läßt sich erkennen, wie dringend wünschens-
wert und notwendig es wäre, die Detzelsche
Ikonographie im Zusammenhalt mit diesen ent-
wicklungsgeschichtlichen Problemen völlig neu zu
bearbeiten. So wie sie ist — von diesen Fragen
unberührt —, kann sie nicht mehr publiziert werden.

2) Bymnt. Zeitschr. XI (1902) 562.

palmyrensische Dekorationsmalerei ans
einem viel tieferen Niveall als die gleich-
zeitige römische Katakombenmalerei. Sie
ist technisch armselig und barbarisch.
Schoil dieser Umstand macht einen so
weittragenden Einfluß höchst problematisch.
Nichtig ist, daß das Motiv des ein Por-
trätmedaillon haltenden Genius ähnlich
auf byzantinischen Denkmälern erscheint;
ebenso in Rom, Navenna, Torcello. Wenn
null aber Strzygowski daraus schließt:
„Hier kann man deutlich beobachten, wie
die griechische Nike int Handumdrehen den
Nimblls bekommt und sich in den christ-
lichen Engel nmsetzt", so ist dagegen vor
allem zit bemerken, daß jene Parallel-
darstellnngen erst int 7. (Ravenna Z
9. (Nom) rlnd 10. (Torcello) Jahrhun-
dert auftreten. Es ist sontit nur so viel
int günstigsten Falle erwiesen, daß Palmyra
die Vorstufe eines in Byzanz und einigen
italienischen Malereien erhaltenen Schemas
der Engeldarstellung bildet, nicht aber den
Ausgangspunkt für die Engeldarstellung
überhaupt.

Weiterhin verweist Strzygowski auf
eine palnlyrensische Franenbüste mit einer
Spindel, welche an die spinnende Madonna
im Verkündigungsbilde der Mosaiken von
Santa Maria Maggiore (ca. 430) anklinge.
Er folgert daraus, daß zwischen palmyren-
sischen Sktllptnretlwerken und römischen
Monnutenten eine Typenverwandtschaft
anznnehmen sei, welche zeige, daß beide
ails einer gemeinsamen orietltalischen christ-
lichen Quelle sich speisen. — Allein die
Unterschiede sind denn doch §u groß, als
daß die nebensächliche Uebereinstimmung
in der Spindel (die der römische Mosaizist
wohl ans denr Protoevangelinnr Jakobi,
der Orientale aus Odyssee III, 120, wo
sie Zeichen der Frattenwürde ist, entuahnr)
eilten auch nur einigermaßen zuverlässigen
Beweis abgeben könnte.

Endlich verweist Strzygowski auf eine
stehetide Fratt tnit Kiltd (Abbildung
Orient oder Nom S. 16) auf dent Arm.
Diese, sagt er, stimme genau in der ganzen
Haltmtg überein mit dein frühchristlichen
Madouueu-Typus der Hodegetria, d. h.
der stehenden Panhagia mit dent Kinde,
wie sie ttns auf einem Sarkophag in
Salona noch erhalten ist. Aber auch
hier wird man auf eine ltoch eingehendere
loading ...