Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

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Damit erweitert sich die Aussicht, daß wir
die Elemente der altchristlichen Kunst nach
ititb nach werden aus dein hellenistischen
Knnstkreis des Orients ableiten können.

(Fortsetzung folgt.)

Die Wandgemälde der Reichenaner
Malerschule ln Oberzell, Bieder-
zell, Burgfelden und Goldbach.

Von Stadtpfarrer Brinzinger in Oberndorf a. N.

(Fortsetzung.)

Das Weltgericht dominiert t it
Burgfelden, aber verschärfter als in
Reichenau in der St. Georgskirche und
in Niederzell. In Reichenau fällt der
Richter das Urteil, umgeben von den
Aposteln (in St. Georg) ititb Propheten
(in Niederzell), die Toten stehen auf, er-
scheinen in einer Nebenszene. In Burg-
felden ist das Urteil schon gefällt, die
Apostel fehlen, damit der gefällte Urteils-
sprnch umso nachdrncksvoller geschildert
werde. „Mit ungeheurer dramatischer Kraft
und mit Hilfe der schärfsten und wirk-
samsten Kontraste ist der kritische Augen-
blick veranschaulicht, der für alle Ewig-
keit die Menschheit in zwei Lager spaltet,
und das eine dem Reiche des Himmels,
das andere dem der Hölle zuweist. Aber
damit noch nicht genug; der Eindruck
dieser Darstellung wird noch verstärkt, und
der Glaube an das Dogma noch mehr
befestigt durch die apokalyptischen Szenen
der Südwand und den Prophetenchor
der Nordwand: die Prophetie des Alten
und Neuen Testaments wird als Zeugin
anfgernfen für die Wahrheit und das
sichere Eintreten dessen, was das Hanpt-
bild schildert. Die zwei Parabeln sodann
bilden den moralischen Tei l der Predigt:
der reiche Prasser wird verdannnt, der arme
Lazarus beseligt, Unbarmherzigkeit bestraft.
Jhur gegenüber tritt das Brld des barin-
herzigen Samaritan, Barmherzigkeit wird
belohnt — nach Schilderung des Welt-
gerichts vom Herrn selbst (bei Matth.
25, 31 f.). Gericht und Vergeltung schildert
also der Zyklus" (|. Keppler, 84).

Die Wandmalereien haben einen sorg-
fältig hergestellten Verputz, der vielleicht
mit pnnischem Wachs als Schutzmittel
überzogen wurde. Dann wurde ein fünf-
farbiger Untergrund anfgemalt, die Um-

rißlinien der einzelnen Bilder ausgezeichnet
und mit Deckfarben ansgemalt, ob Tem-
perafarben oder genüschte Farben verwendet
wurden, ist nicht mehr zu entscheiden. Die
fünf Farbenzonen des Untergrunds haben
sich dauerhafter erhalten als die obere Mal-
schicht. Eigentümlich in Burgfelden sind
die Tongefäße unter deur Malgrnnd des
ganzen Frieses an allen drei Wänden, in drei
Reihen iibereinander eingemanert. Welche
Bedeutung haben sie? „Sie sind ein
Vefestignngsmittel, eine Art Anfhänge-
apparat für beit Malverpntz" (nach Geb-
hard, Banzeitnng 1894, 12).

Wann ist der Zyklus in Burgfelden
e n t st a n d e n und welche Stell n n g

hat er in der Knnstgeschichte?

Er ist wenigstens ein halbes Jahrhundert
jünger als die Bilder in Oberzell, und
wahrscheinlich „tun die Mitte oder in der
zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts ent-
standen" (nach Keppler) und jedenfalls
„vor 1071 vollendet gewesen" (nach
Weber 53). Ans das 11. Jahrhundert
als Entstehnngszeit weisen hin die Trachten
und Waffen ititb die Architektur der Kirche
uitb die Vergleichung mit den Oberzeller
Wandmalereien, mit denen sie zwar ver-
wandt, von denen sie aber andrerseits
doch auch charakteristisch verschieden sind.
Mäander, Forbenzonen, Maltechnik sind
in Burgfelden und Oberzell miteinander
verwandt, in andern Punkten finden sich
Renernngen in Burgfelden: die Beisitzer
sind verschwunden beim Gerichtsbild, die
Einführung der Seligen ins Paradies
und Verstoßung der Verdammten sind als
Hauptsache behandelt; zwei Engel halten
das Kreuz, Himmel und Hölle sind als
Gebäude angedcntet, Petrus und Michael
Wächter beim Paradies — Zutaten, die
vor Mitte des 11. Jahrhunderts in abend-
ländischen Kunstiverken kaum nachzuweisen
sind. Daraus ergibt sich der Schluß,
daß das Burgfelder Weltgerichtsbild eine
spätere Entwicklungsstufe darstellt als das
Oberzeller. Noch mehr spricht für jüngere
Zeit in Burgfelden nach Keppler der ganze
Stilcharakter des Vortrags, der Form-
gebung und Gewandung. Etwas Neues
setzt ein, das nicht mehr rückwärts weist in
die altchristliche und karolingisch-ottonische
Epoche, sondern vorwärts in eine neue
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