Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

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Zeit mit neuen, selbständigen Anschauungen
und Zielen. Frisches, neues, bewegtes
dramatisches Leben pulsiert in diesen Bil-
dern, in den Engeln, Seligen, Verdammten
und Personen der Parabeln. „Diese Knust
hat einen starken Tropfen germanischen
Bluts mehr in ihren Adern, als die von
Oberzell" (Keppler). Wucht ltub Kraft
lebt in den Posannenbläsern, in dem großen
Engel, der die Verdammten wegstößt, in
der dreiteiligen Kampfesszene der Süd-
wand, in der Ueberfallsszene der Nord-
wand. Byzantinische Einflüsse, wie Sanniel
Berger neuestens behaupten wollte, sind
keine da; die Bnrgfelder Bilder sind aber
weit nationaler geworden als in Oberzell.
Nicht mehr wie dort ist die Ruhe und Klar-
heit der altchristlichen Kunst zu bemerken,
sondern wilde germanische Kampfesfreude,
lautes, kraftvolles, bewegtes Leben. Diese
Bilder in Burgfelden und Oberzell mit
Kraus in ein und dieselbe Schnlrichtnng
zu verweisen mit den Wandgemälden in
St. Angelo in Formis bei Kapna, obwohl
sie ihnen zeitlich nahe stehen, ist sehr an-
fechtbar. Dobbert weist letzteren sehr starke
byzantinische Einflüsse zu. In Burgfelden
pulsiert neues, bewegtes deutsches Leben,
sein Bilderkreis steht ans der Grenzscheide
zweier Welten: der altchristlich-römischen
und eitler neuen mittelalterlich-germanischen
Kunstperiode (Weber 62). Als Heimat des
Künstlers von Burgfelden ist sehr wahr-
scheinlich Neichen an atizunehmen, was
die acht Jahre nach Entdeckung der Bnrg-
felder Bilder erfolgte Aufdeckung des
Niederzeller Weltgerichts und der Gold-
bacher Bilder bestätigte, ivelche sämtlich
der Reichenaner Malerschule angehören.
„Die Bilder in Niederzell stehen besonders
nahe beit Bnrgselvern: die Majestas
Domini, die zwei Apostelfürsten, Evan-
gelistensymbole, zwei Cherubim, die Apostel
Ntid Propheten, — so daß die verdienst-
volleti Entdecker des Niederzeller Welt-
gerichts, Künstle und Beyerle, geradezu
die Vermutung anssprechen, es niöchteli
beide llicht bloß ans derselben Schule,
lischt bloß aus ungefähr derselbelt Zeit,
sondern auch von einem und demselben
Meister stanlinen (Keppler, Ans Kunst
lind Leben 1905, 90)."

Im Jahre 1899 wurden die Wand-
geniälde in Goldbach entdeckt, welche eben-

falls der Reichenaner Schule zugeh ören,
hievon im folgenoen.

IV. DieWandgemälde derSt. Sil-
be st e r k a p e l l e zu G o l d b a chch.

25 Minuten von der ehemals freien
Reichsstadt Ueberlingen entserlit, westlich
all der Straße nach Sipplingen, liegt die
St. Silvesterkapelle von Goldbach, nr-
sprünglich eine kleine Basilika, mit Apsis,
daran angebantem spätern Chor lind einem
Atrilliil im Westen. Das einschiffige Lang-
haus ist 10,24 in laug, 6,18 in breit,
etwa 4,50 in hoch. Dazu das Atrilliil
5,66 in laug uitb 5,20 m breit. Die
früh gotischen Fenster sind erst später eilt*
gebrochen worden. Das einschiffige nied-
rige Langhaus ist der älteste Teil des
Bans; spätestens Ende des 10. Jahr-
hunderts wurde der Chor angebant, das
Langhaus erhöht und mit kleinem Rnnd-
bogenfenster oben wieder versehen und
dir Rnndbogen zum Chor ansgebrochen.
Im 14. oder 15. Jahrhundert wurde der
westliche Vorbau dem Langhaus angefügt
und Spitzbogenfenster in diesem einge-
setzt, später auch in die Ostwand des Chors
ein Triforinmfenster eingefügt. (Wingen-
roth 297). Der Ort Goldbach lvird 1100,
die Silvesterkapelle 1155 erstmals in Ur-
künden erwähnt.

Die Gebrüder Mezger in lleberlingen
haben das Verdienst, zuerst im Früh-
jahr 1899 zwölf gemalte Apostel-
bilder an den Chorwänden der Kirche
allfgedeckt zu haben. Die Gestalt des
Heilands, wahrscheinlich als Richter, ist
bei Anlage des Chortriforinmfensters leider
zugrunde gegangen. Die Apostel sind ivegen
engen Raums auf die Ost-, Nord- und
Westwaild des quadratischen Chors ver-
teilt. Franz X. Kraus pnplizierte über
diese ersten Entdeckungen zu Goldbach sein

Literatur: 0 Franz X. Kraus, Wandge-
mälde zu Goldbach. 20tit 18 Abbildungen. Mün-
chen F. Bruckmann 1902. 2) Historisch-politische
Blätter 1902, Hest 5 S. 35ff. Neues von der
Reichenauer Malerschule von Dr. Joseph Sauer.
s) Künstle, Karl, Kunst des Klosters Reichenau
im 9. und 10. Jahrhundert und der Gemälde-
zyklus in Gvldbach. Freiburg 1906. 4) Zeitschrift
für Geschichte des Oberrheins, Bo. 20, Heidelberg
1905. 8.293. Artikel Golvbach vonM. Wingenroth.
5) Viktor Mezger, Binzgauer Chronik, Ueber-
lingen 1911, Nr. 1—5, Vom alten Kirchlein in
Goldbach.
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