Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

Seite: 73
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perailsgeaebe» und redigiert von Universitäts-Professor Ov. L. Baur in Tiibingen.
Ligentmn des Rottenbnrger Diözesan-Knnstvereins;

Koinnüssioiis-Verlag und Druck der Aktien-cLesellschaft „Deutsches Volksblatt" in Stuttgart.

Jährlich 12 Nummern. Preis durch die Post halbjährlich M. 2.25 ohne
llr R Bestellgeld. Durch den Buchhandel sowie direkt von der Verlagshandlung IQH,

* Akt.- Ges. „Deutsches Volksblatt" in Stuttgart pro Jahr M. 4.50. ^

Der Einfluß des Orients auf die
Ausbildung der christlichen Kunst
des Abendlandes.

Von Prof. Dr. Ludwig Baur, Tübingen.

(Fortsetzung.)

Die Beweise S t r z y g o w s k i s.

Wie man sieht, hat Strzygowski in
seinem Werke „Orient oder Nom" noch
keine durchschlagenden Beweise vorzulragen
vermocht. Cr hatte nur erst das Thema
angeschnitten und die Notwendigkeit klar
gemacht, dasselbe tu einem ganz umfassen-
den Komplex von Untersuchungen durch-
znarbeiten, die nicht das Werk eines einzel-
nen Gelehrten sein können und jahrzehnte-
langer unverdrossener Arbeit erfordern.
Strzygowski faßte nun zunächst die
Steltnlig Kleinasiens ins Auge,
lim von hier ans zu einem sicheren Urteil
über die Znsamnlenhänge der byzanti-
nischen Kunst zil gelangen. Es sind drei
Hauptgedanken, in welcheil sich seine
Auffassung anssprechen läßt:

a) Der kleinasiatische Orient weist
schon frühe, zum Teil vor Konstantin eine
Architektllr auf, neben der sich die west-
liche Baukunst des römischen Knlturgebietes
als fornlenarm erweist. Hier im Orient
kennt man schon frühe neben beut basi-
likalen Kirchenbau das Oktogon, die
Kreuzkuppelkirche und die kleeblattförmige
Knppelanlage.

d) Das lveitere Durcharbeiten der hie-
durch geschaffenen Bailmotive führt zilr
Achitektur der Hagia Sophia in Konstan-
tinopel und zilr byzantinischen Architektnr-
entwicklnng im konstantinopolitanischen
Gebiete.

c) Die griechisch-orientalischen Bau-
forlnen führeli zur romanischen Kllnst, in-
denl sie ans dem Wege über Marseille,
ohne Nom oder Byzanz zu berühren, ins
Abendland herüberdrangen.

Seheli wir zu, wie Strzygowski diese
Sätze erhärtet.

1. D e r k l e i n a s i a t i s ch e B a s i l i k e n b a u.

Es lassen sich vor allem zwei Typen
der kleinasiatischeli altchristlichen Basilika
erkennen: im westlichen und südmestlichell
Küstengebiet der eine, der andere in der
Binnenlandschaft voll Südosten Kleinasiens
bis liach Kappadocien hitlauf.

Der von Strzygowski als „hellenistisch"
bezeichnete Typus des ivestlichen und süd-
lichen Küstengebietes ist freilich keine ganz
geschlossene Baileinheit, weil die Bauten,
die hieher gehören, ans drei Jahrhunderte
hin sich verteilen ltitb ihr Entwicklungsgang
noch keineswegs vollkonlmell klar liegt.
Während im Westen (besonders in Nord-
afrika) lieben der dreischisfigen Basilika
auch die fünf- ltiib siebenschiffige Anlage
geläufig ist, kennt man m Kleinasien nur
die dreischisftge Anlage ch. Bekanntlich
gibt dafür schon das Testameukrim
Domini nostri Jesu Christi (ed.
Rahmani) ca. 400 den fylnbolischen
Glnnd an, daß darin ein Hiiliveis ans
das christliche Zentraloogma von der aller-
heiligsten Drelsaltigkeit liege. Diese drei-
schisftgen Basiliken zeigen Säulen (im stein-
reichen Süden, ivo Steingewölbe üblich
waren, auch Pfeiler); die Apsis ist teils

0 Der fünf sch if fi ge Basilikentypus hat
seinen Ursprung höchst wahrscheinlich in ^Aegyp-
ten und Nordafrika, wo er auch die meiste
Verbreitung gesunden hat.
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