Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

Seite: 83
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der Schablonen Hastigkeit der gegossenen
Fabrikware entgegengewirkt, welche seit der
napoleouischen Zeit und der kunstfeind-
lichen vandalischen Zerstöriliig aller echten
Kunst durch die säkularisierende Bnreau-
kralie leider nur allzusehr in u»seien
Gotteshäusern überwuchern konnte.

Das dritte Charakteristikllnl dieser Werke
ist ein unserer heutigen Kunst wieder eigen-
tümlich gewordener Zug zum Archaischen
und Primitiven. Dieser Zug führte von
selbst zu Auffassungen,
die diese Gebilde stark
au deu phantasiereichen,
abwechslungsvolleu ro-
manischen Stil Heran-
rücken. Eine zweifache
Tendenz gibt sich in
diesem Zug nach ver-
einfachten Formen kund:
einmal die Absicht, mög-
lichst ans dein Material
heraus gu arbeiten und
dieses in seiner Einfach-
heit zur Geltung kommen
zu lassen, die Gesetze §u
respektieren, die in der
eigentümlichen,durch das
Material anfgezwunge-
nen Technik begründet
sind; ferner aber auch un-
seres Erachtens ein Zug
zustilistifchemEmpfiuden
und Umbilden, das eine
Reaktion bedeutet gegen
Tendenzen, die unter
Ueberspriugung der tech-
nischen Eigenart sieh dar-
auf verlegten, in jedenr
Kuttftzweig möglichst die
Natur treu kopierende
Gebilde zutage zu för-
dern: also eine Tendenz nach Stilisierung
gegenüber naturalistrscher Kopierung.

Jnr einzelnen möge folgendes unseren
Lesern zur Beachtung empfohlen sein:

il. Das A l t a r k r u z i f i x für
Cannstatt. Es ist arrs Elfenbein.
Unverkennbar zeigt es Anklänge an die
romanische Metallkunst, die sofort ins
Auge fallen müssen, und die in denr völlig
archaisierenden (fast möchte ich sagen über-
nräßig stark archaisierenden) Chriftnskörper
ihren höchsten Ausdruck finden. Auch die

Anbringung des A und12 nach altchristlicher
Weise berührt sympathisch, weil sie imstande
sind, die umfassende Bedeutung des Kreuzes-
todes Jesu und seiner Persönlichkeit dem
nachoenkendeu Beschauer zu vermitteln. —
Der zu große Fuß ist pyramidal und mit
Motiven verziert, die (wie z. B. das
vas immortalitatis, woraus die Pfauen
trinken) an Naveunalische Arbeiten er-
innern. — Unbefriedigend bleibt hier die
Vermittlung zwischen Fuß ltnb Krenzes-
stamm. Sie läßt, weil
die Kugel, welche sie
bilden soll, im Verhält-
nis zweifellos zrr klein
und die Pyramide allzu
spitz durchgeführt ist,
während dann das Kreuz
sofort breit einsetzt, keine
ästhetische Befriedigung
anfkommen.

2. Ein im ganzen an-
sprechendes, wiedernnl
im ivesentliehen an den
romanischen Formeil
orientiertes Stück ist das
Re liq niariirnl für
die Stiftskirche in Ell-
tvangen. Von sigu-
ralent Schmuck ist da-
bei abgeseheit worden,
abgesehen von den Me-
daillons auf dem Dach
des Religtriars, das —
romanischer Gepflogen-
heit entsprechend — die
Form eitles Hauses anf-
weist. Dieselben tragen
— das ist tvieder ein
lobeirswerter Zug! — -
altchristliche Symbole.
DasReliqniar ist t 14 cm
lang, 75 cm hoch und mit 82 Edel-
steinen geschmückt.

3. Das C i b o r i u m für die S t. N i k o-
lanSkirche in Stuttgart zeigt die
Fornl einer altchristlicheti Pyxis. Der Faß
zeigt einen überreichen Schnllick, aus Edel-
gesteiu. Die Cnppa ist mit Elfelibeiil-
schnitzerei (ausgeführt von Rlldolf in
Stuttgart) ausgestaltet, welche in byzail-
tinischer Manier, Christus auf dem Throne
sitzend, mit der Weltkugel in der Linken,
bem Buch des Evangelieugesetzes in der

Monstranz ron Seebronn.
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