Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

Seite: 85
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kserausaegebeii und redigiert von Universitäts-Professor Or. £. Lour in Tübingen.
Ligentnin des Rottenburger Diözesan-Rnnstvereins;

Aommissions-Verlag und Druck der Uktien-Gcsellschuft „Deutsches Volksblatt" in Stuttgart.

Or.

Jährlich 12 Nummern. Preis durch die Post halbjährlich M. 2.25 ohne
Bestellgeld. Durch den Buchhandel soivie direkt von der Verlagshandlung IQH,
Akt.-Ges. „Deutsches Volksblatt" in Stuttgart pro Jahr M. 4.50. '

Der Einfluß des Orients auf die
Ausbildung der christlichen Kunst
des Abendlandes.

Von Prof. Or. Ludwig Baur, Tübingen.

(Schluß.)

III. Der Orient intb bie abend-
ländische A r chitekt u r.

Zu mieberholieumaleu versucht Strzy-
gowski auf Gruub der gewonnenen Er-
keuutuisse beu Gaug zil bestimmen, beu
bie Kunst bes Orieuis genommen hat
nach seiner Ansicht, mtb beu Einfluß klar-
zulegen, beu sie, wie er glaubt, auf bie
Kunst bes Abeublaubes ausgeübt hat.
Beschränken wir uns zunächst einmal auf
die Architektur.

Strzygowski entwickelt seine An-
schauungen hierüber eingehend in „Klein-
nsieu ein Neuland der Kunstgeschichte" j
(1903), sowie in seiner kleineren Schrift
„Der Dom zu Aachen" (1904). Den
Grundgedanken Strzygowskis haben wir
bereits früher dargelegt. Er denkt sich
das Aachener Münster und seine verwandte
Baugruppe erklärbar aus einer von der
römisch-italischen Bautradition zu nnter-
scheidenden selbständigen gallo frän-
kischen Kunst. Diese gallofränkische
Kunst denkt er sich angeregt durch die
Banformen der verschiedenen Helle-
n i st i s ch e n Metropoteil und Zentren
hellenistischer Kultur. Später wären
diese Ansätze einer gallofränkischen Bau-
weise hellenistischer Provenienz ver-
stärkt worden durch die Bantraditionen,
deren Träger die Klöster wurden, die
den Orient, und zwar nicht bloß die
Küstengebiete, sondern anch das Hinter-

land iil steter Verbindung erhielten mit
dem Frankenreich. Als das eigentliche
Zenlrnut der orientalisch-hellenistischen
Kunst im Norden wird Trier angenomnlen.
Strzpgowski schließt dies a priori
daraus, daß Trier damals wiederholt
Residenz der Kaiser war. „Wo sich aber
der römische Hof niederließ, wo von ihm
Städte, Paläste oder Villen gebaut werden,
da sind zu allen Zeiten des Kaiserreiches
Griechen und Orientalen die maßgebenden
Künstler gewesen."

Dieser Beweis ist sicherlich schwach
und unzuverlässig. Der schwächste Punkt
dieser postulierten gallofränkischen Kunst
ist zweifellos darin gelegen, daß cs —
wenigstens bis jetzt — nicht gelungen ist,
architektonische Vertreter dieses Typus
anfzuzeigen. Immerhin ist beachtenswert,
z daß die bekannte Kölner Weiheinschrift
angibt ,,ex partibus orientis exsibitus“.
Interessant und für die regen kirchlichen
Beziehungen zwischen Orient und Trier
bezeichnend ist es jedenfalls anch, daß
der hl. Augustinus die vita des heiligen
Antonius nur kurze Zeit nach ihrer Ab-
fassung ans dem Wege über Trier nach
Mailand erhielt. Auch das ist bemerkens-
wert, daß Cassiodor von der bedeuten-
den Theologensehnle zu Edessa redet. Und
daß syrische und andere orientalische Knnf-
lente im Westen häufig gesehene Gäste
waren, daß syrische Geistliche nicht nur
in Ravenna, sondern anch im Franken-
lande in der Diözese Paris eine Rolle
spielten, ist bekannt. Brehier (Byz. Zeil-
schrist XI l (1903) 1 ff.) weist darauf
hin, daß in Ravenna, das seit Honorins
ein Vorposten von Byzanz war, vom
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