Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

Seite: 86
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hl. Apollinaris an alle Bischöfe bis ins
5. Jahrhundert hinein Syrier waren;
ebenso war der erste Bischof von Trier,
Agritius, ein Syrier; auch ans dein
Vischofsstuhl in Paris saß einmal ein
Syrier. Außerdem ist der Import orienta-
lischer (natürlich auch byzantinischer) Gold-
schmied- und Emailarbeiten absolut sicher;
desgleichen der Import illuminierter litur-
gischer und anderer Bücher ans Aegypten
und Syrien, sowie endlich der überaus
reichliche Import von Textilien aus Aegyp-
ten. Aber all das sind doch nur vereinzelte
Indizien, die eine analoge Beziehung auf
dein Gebiete der Architektur uub anderer
christlichen Knnstzweige nahelegen könnten.

Die so postulierte gallofräukische Kunst
erhielt dann nach Strzygoivski durch
Karl b eu Großen einen mächtigen
Aufschwung nach der nationalen Seite.
Sie nahm allmählich jene Formen an, die
wir den r o m a n i f ch e n B a n st i l nennen.
„Die christlichen Bantypen aber sind in
ihrer reichen Mannigfaltigkeit fast alle vom
eigentlichen Orient aus importiert worden.
Die Residenz am Bosporus muß mie
Thessalonike und die beiden oberita-
lischen Metropolen Ravenna und Mai-
I ci u b betrachtet werden als eine koordi-
nierte Ausstrahlung derselben Knnstkraft,
die seit vorrömischer Zeit über Marseille
nach Norden zog." — Hatte man bisher
auf San Vitale in Ravenna als Vor-
bild für das Aachener Münster hingeiveisen,
so lehnt Strzygoivski eine direkte Ver-
wandtschast ab „vor allem deshalb, weil
Ravenna eben dauernd nichts anderes
als ein Ableger des hellenistisch Byzan-
tinischen blieb, während im Frankenreich
sehr bald ein neuer Anstoß von seilerr
der Klostertradition, d. h. vom eigent-
licherr orientalischen Hinterlande ansging".
— Dem gegenüber hält Reber I daran
fest, daß ein starker orientalischer Einfluß
auf Oberitalien und das transalpine '
Gebiet stattfand, der als byzantinisch
zrr bezeichnen sei intb über Ravenna
und Mailand die Alpen überschritten
habe. — In der Tat erscheint uns diese
Annahme von vornherein plausibler als
die von Strzygoivski ausgestellte; denn
es müßte doch mit wunderbaren Dingen

') Byzantinische Zeitschrift XIII (1904), 542.

zngegaugen sein, wenn bei den Römer-
zügen Karls, wenn bei seinem Aufenthalt
in Ravenna seine Architekten ohne jede
Anregung geblieben wären, sei es von
feiten der byzantinisch-ravennalischen bezw.
oberitalienischen oder römischen Bau-
weise.

Um aber seine Anschauung von einem
direkten Einströmen hellenistischer Knnst-
traditionen an den Aachener Hof zu be-
gründen, so weist Strzygoivski auf folgende
eigenartige Erscheinungen hin:

a) Der „bronzene Wolf" zu Aachen
stellt nach ihm nicht die römische Wölfin,
sondern eine Bärin dar, ist hellenistischer
Herkunft oder geht zum mindesten auf ein
hellenistisches Vorbild zurück — jedenfalls
habe sie mit der römischen Wölfin nichts
zu tun.

Daß damit ein auch nur einigermaßen
zuverlässiger Boden für seine Behauptung
gegeben ist, ivird Strzygoivski wohl selbst
nicht annehmeu. Selbst wenn seine Deutung
und Erklärung des Stückes (als einer
Bärin) richtig sein sollle, so ist doch der
Beweis, daß das Stück nicht über Rom
oder Italien gekommen sei, sondern direkt
über Marseille aus einer der hellenistischen
Metropolen, noch gar nicht erbracht. Und
eben darauf käme sehr viel an.

b) Das Elfenbeinrelief derKa nzel
in Aachen bringt Strzygoivski (wie auch
schon.in „Hellenistische und koptische Kunst
in Alexandrien" 17 f.) in Zusammenhang
mit Elfenbeinwerken von sicher ägyptisch-
koptischer Provenienz. Er verweist ins-
besondere auch auf die Verwandtschaft
zwischen Reiterdarstelluugen auf einem
Aachener Elfenbein einerseits uub auf
einem ägyptischen Stück, das im Louvre
zu Paris ailfbewahrt wird, anderseits,
sowie zwischen Aachener Bacchusgeltalten
und dem Elfenbeinbacchus im Museum
zu Kairo, die indes beide auf einen
praxitelischen Bacchus zurückgehen.

Zweifellos liegen darin starke Indizien
für östliche Einflüsse; aber das Vergleichs-
material wird noch weiter ausgedehnt
werden müssen.

c) Die sogenannte „Artischocke", die
ursprünglich nach Strzygoivski als Wasser-
speier an einem Brunnen verivendet wurde,
gilt Strzygoivski als Beweis für eine noch
im 11. Jahrhundert und später im
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