Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

Seite: 87
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byzantinischen Knnstkreis nachweisbare
Knnsttradilion, die er bis ans Babylon
und Ninive zurückdatiert. ■— Re ber faßt
das Strick anders: er denkt daran, daß
es die Bekrönung des Kuppelscheitels ge-
wesen sei. Außerdem bezweifelt er, was
für die Schlußfolgerungen von großer
Bedeutung ist, daß das Ganze ein einheit-
licher Guß sei, zu welchem auch die
Figürchen der Paradiesesströme an den
Ecken des Sockels gehören, von denen uns
zudem nur ein Fragment erhalten blieb.
Er resümiert sein Urteil dahin: „Gewiß
kommen Pinienzapfen ... in altchristlicher
Zeit auf Brunnendarstellungen in Relief-
nnd Miniaturmalerei vor. Auch scheint
es sicher, daß die meisten Brunnenbilder
dieser Art ans byzantinisches Gebiet fallen.
Wenn aber Strzygowski die Herkunft
dieser Pinienbrnnnen ans die Pinienzapfen
der assyrischen Flügelwesen znrückznführen
scheint, so dürste diese Genesis doch kaum
einst zu nehmen fein1)." — Dagegen fand
Strzygowski Zustimmung von seiten
eines der bedeutendsten Orientalisten der
Gegenwart, 0011 Dr. A. Baumstark ^).
Er schreibt: „In der Tat ist das Stiick
durch die auf die Paradiesesflüsse gehende
und damit an Den Schmuck der Weih-
wasser- uub Taufwasserbecken (Rohault
de Fleury, la messe VI, 181) und
die Inschriften des Taufbeckens von Hildes-
heim erinnernde Inschrift des Ables Udal-
rich als ursprünglich zrr einem Atrium-
brnnnen gehörig gesichert. Derlei Schmuck
an dieser Stelle ist aber schon früher von
Strzygowski für Den Osten aufs beste
belegt worden, während er für das Abend-
land etwas Unerhörtes sein muß."

Blau sieht, auch über diesen Punkt sind
sich die Gelehrten nicht einig. Jedenfalls
wird man sagen dürfen: vorerst fehlt auch
diesen: Beweismoment Strzygowskis jene
eindeutige Bestimmtheit und Sicherheit,
welche notwendig wäre, nur seiner Auf-
fassung der Sache den Charakter des
Hypothetischen zrr nehmen.

d) Das „Martyrion" — wie Strzy-
gowski mit einer nicht ganz gerechtfertigten
Uebertragung dieses terminus technicus
den Zentralbau zu Aachen benennt — be- * 2

1) A. a. D.

2) Oriens christianus HI (1903\ 561.

zeichnet er als hellenistisch-orientalischen
Banlypns. Er will eine Uebereinstimmnng
des Zentralbaues von Gernrigny des
Pres (Paris), der arnrenischen Patri-
archalkirche von Etschmiadzin uub des
Aachener Baues mit der Kirche des
hl. Gregorius Illuminator zu Etschmiadzin
erkennen. Er präzisiert nun seine Arrf-
fassnng dahin, daß gerade diese inner-
asiatischen (im Gegensatz znm Küsten-
gebiet) Bauten den eigentlichen Anstoß für
die entsprechende Bauweise im Abendland
gegeben haben. — Soweit ich sehe, scheint
sich über diesen Punkt eine Einigung
dahin anzubahnen, daß allerdings der
zentrale Kunstbau im Osten zrr Hanse und
von dort ins Abendland übergegangen ist
— aber ans rvelchem Wege? Zunächst
ist sicher, daß das Martyrion des
hl. Gregor v. Nyssa (379—394),
das er im Brief an Amphilochirrs be-
schreibt, eines der allerfrühesten Beispiele
von Pfeilerrotrrnden ist, mit dem arrch das
von Dem 374 verstorbenen Vater Gregors
erbaute Martyrion übereingestimnrt haben
wird. Nun käme es vor allem darauf
an, genau zu bestimmen, rvelches der Ein-
fluß dieser Gebäude mit dem klassischen
Oktogon Konstantins in Antiochien
war. Auch die kleinasiatischen Pseiler-
banten von Soasa, Hierapolis und Derbe
gehören hierher. Diese Gruppe scheint
den enropäischeir Zentralbauten doch er-
heblich näher zu stehen, als das von
Strzygowski herbeigezogene mesopotamische
Oktogon (von Wiranschehr) oder die Kirche
des hl. Gregor in Etschmiadzin (Armenien).

Diese Erwägung soivie der Gedanke, daß
der Verkehr Konstantinopcls mit beut
Küstenland ein weit stärkerer gewesen sein
muß, als mit Dem Binnenland der hetti-
tischen Ecke, daß ferner Jnstinian nicht
aus Armenien oder Syrien, sonderir
von der lleinastalischen Westküste seine
Architekten bezog, endlich, daß die syrischen
Gebiete schon vor dem Erscheinen der
Araber dem kulturellen Niedergang ver-
fielen, und daß die Hauptstadt des Ost-
reichs durchaus präpvnoerierte, lassen es
nicht wahrscheinlich erscheinen, daß der von
Strzygowski angenomnrene Entwicklungs-
gang vom asiatischen znm romanischen Barr
der geschichtlichen Tatsächlichkeit entspreche.
Sicher ist es das Verdienst Strzygowskis,
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