Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

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Apsidialbild in Niederzell beut 11. Jahr-
hundert. 4. Die Wandgemälde in Gold-
bach ebenfalls der Zeit Hatlos III., uue
die in St. Georg-Oberzell. Nenestens hat
Kunstmaler Viktor Mezger im Schiffe der
Goldbacher Kirche drei Deckengemälde im
karolingischen Stil gemalt: die Schöpfung
von Sonne, Blond und Sterne, ein Kreuz
mit Lamm, und den hl. Geist. Die steinerne
Statue des hl. Papstes Silvester vorne
beim Chor stammt wahrscheinlich ans dem
14. Jahrhundert.

Adler, Kraus, Künstle und Beyerle,
Wingeuroth, Weber, Keppler haben das
große Verdienst, die Wandgernälde in Ober-
nnd Niederzell, in Burgfelden, Goldbach,
Nöge, Sanerland rrnd Haselofs die Neichen-
auer Buchmalerei den Frerrnden der Kunst
wieder bekannt gemacht zu haben. In Mil-
telzell im Brünfter waren sicherlich ein-
stens gleichfalls alle Wandgemälde, rvelche
aber jetzt u i ch t ni ehr vor h a rr d e rr s i rr d.
Die jetzigen Bilder daselbst stammen ans
jüngster Zeit. Welche Stellung ge-
bührt den Wandmalereien der
Reicheuarier Schule in der Kirnst-
geschichte? Sind sie das Schlußkapitel
der christlichen Antike, oder aber die Eirr-
leituug in die große r omanische Kirnst, geherr
ihre Fäden auf Nom zurück oder auf
Byzanz und den Orient? Ist ihr Charakter
ein Wiederaufleben der spätchriftlichen
Kunst int Norden und veranschaulichen
sie uns „die karolingische Renaissance",
oder sind sie selbständige deutsche Gebilde
und Vorläufer der nachfolgenden roma-
uischeu Kirnst? Ist die karolingische rrnd
oltonischeZeit der Cmtftehnng dieser Wand-
malereien noch zur srühchriftlicheu Periode
zu rechnen, oder nicht vielmehr als Ueber-
gaugsstadium rrnd Frührot der romanischeil
Klirrst auzuseheu? Hierüber herrschen bei
den Kunsthistorikern verschiedene Ansichten.
Kraus, Fäh, Kuhn, Springer zählen die
karolingische Renaissance noch der Antike
bei, Dehio bezeichrret sie als „Eingang in
die Geschichte des Nomanisrnns" und Mailet
und Bergner rechrren sie zur romanischen
Kunst (vgl. Kleinschmidt, Lehrbuch der
christl. Kunstgeschichte 1910, Paderborn,
S. 41). Kraus hat am Schluß seines erst
nach seinem Ableben (geft. 28. Dez. 1901)
erschienenen Werks „Die Warrdgemälde
der Silvesterkapelle zrr Goldbach" (S. 23)

die Ergebnisse seiner ein Vierteljahrhrrudert
rrmfassendeu Untersuchnngeu über die Nei-
chenarier Knust irr folgende vier Thesen
zrrsamrnerrgefaßt: „1. Wir besitzen jetzt ein
vollständiges und abgerundetes Bild der
kürlstlerischeu Tätigkeit der Reichenau irr
der Zeit ihrer Blüte (9. bis 11. Jahr-
hundert): dieses Bild setzt sich znsammerr
ans den Denknräleru der rnoiiumerrtalerr
dNalerei in Oberzell, Goldbach, Brrrg-
felden rrrrd Niederzell (Petersharrsen rrnd
St. Gallen sind leider verloren), rrnd weiter
ans den rrrrs erhaltenen Denkmälern der
Buchmalerei.

2. Ans dieserrr Gesamtbild hebt sich die
Nichtigkeit der Veharrptuug ab, daß die
Neicheuarr im 10. Jahrhundert der Zerrtral-
pirnkt der ollouischeu Kunst rvar rrnd daß
in ihr die führende Nolle nicht der Mirrialnr-
rnalerei,sorrderir der riionrinrentalen Malerei
zustaud. 3. Wir lernen arrs beut Ver-
gleich dieser Neicheuauer Derrknräler mit
den gleichzeitigen Monunreuten Norrrs rrnd
Unteritaliens den Zirsariimerrhang dieser
wohl drrrch die Bezrehrrngerr der Abteien
Reichenau rrnd Monte Cassino vermittelten
mittelitalienischeuKrrnst mit der Neichenauer
kennen: — wir überzeugeil uns vorr der
Tatsache, daß sich vonr 6. bis 11. Jahr-
hundert die lateinische Richtung in dieser
mittelitalieuischen Kunst, erhalten hat, daß
diese retrospektive Kurrst die Meister der
Reichenau beeinflußt rrrrd sie zu Kunst-
schöpfrrngeu befähigt hat, welche sich rveit
über die gleichzeitigeil rohen Erzeugnisse
der reirr deutschen irrdigeuen Klirrst des
Zeitalters erheben (wie die Mirriatnren
irr der angeblich 1023 geschriebenen Schrift
Oe Orarverso des Hrabanus Maurus,
in Fulda gemalt, jetzt in Monte Cassino,
herausgegeben 1896 von P. Amelli).

4. Somit gewinnen wir zirrrr erstenmal
das im wesentlichen gesicherte Bild eirrer
großen, derr Abschluß der altchriftlich-
römischen Kunst diesseits der Alpen bilden-
der! Kurrstschrrle: mir beobachten ihren
inneren Entwicklungsgang und die all-
rnähliche Zersetzung rrrrd Auflösung der-
selben, während sich zugleich die ersteil An-
sätze national'gerrnaiiischer Auffassnng rrrrd
DarsteUniigsweise einstelleu" (so Kraus,
Goldbach 23). —

Von diesen vier Thesen hat besonders
die dritte Widerspruch erfahren. Sie hängt
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