Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

Seite: 91
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durch ihre Annahme einer von Ostrom
wesentlich nicht abhängigen, vielmehr ans
der allchristlich-römischen Kultur hervor-
gewachsenen Kunstrichtung aufs engste zn-
samnlen mit der „byzantinischen Frage",
welche neuerdings als „orientalischeFrage"
formuliert wird. Unter byzantinisch ver-
stand man bis in die Dtitle des 19. Jahr-
hunderts alles, was im klassischen Rom
nicht nnterznbringen war, selbst noch die
romanische Kunst. Die Forschungen von
Rnmohr, Kngler, Kondakoff, Bayet, La-
barte, Diehl uni) Schlnmberger haben dann
zu einer immer klareren Scheidung, zu
einer schärferen konkreteren Bestimmung
der Eigenart byzantinischer Kunst und
ihrer Einwirkung geführt. Die letzte
epochemachende Scheidung vollzog Strzy-
gowski, der in temperamentvollen Dar-
legungen (namentlich in seinen Schriften:
Kleinasien, ein Neuland der Kunst 1903 ;
Orient oder Nom 1901; Byzantinische
Denkmäler 1891 — 1903) die eigentliche
byzantinische Kunst als eine Synthese von
hellenistischen und autochthon lleinasia-
tischen, näherhin mesopotamischen und
ägyptischen Einflüssen nachznweisen ver-
suchte, die grandiosen Monnmentenreste
Kleinasiens fast überwiegend auf das
unerschöpflich reiche und frisch gebliebene
mesopotamische Kultnrreservoir znrück-
führte und ihrem Einfluß selbst das Auf-
kommen romanischer Kunst im Abend-
lande zuschrieb (Sauer, Lil, Beilage der
„Köln. Bolksztg." Nr. 13, 1910, Artikel:
Die christlich-archäologische Forschung im
letzten halben Jahrhundert). Das letzte
Wort in dieser Frage wird aber erst
gesprochen werden können, wenn die
Monumente im Orient genauer erforscht
sein werden. „Wenn auch einerseits zu-
gegeben werden muß, daß die geistigen
Wurzeln des Urchristentums und sein
Ursprung im Orient liegen, und daß sich
der prädominierende Einfluß Kleinasiens
auf die Kultur des Westens im ersten
Jahrtausend der christlichen Aera überall
bemerkbar macht, so ist doch anderseits
nicht außer acht zu lassen, daß Nom
eben immer noch die frühesten chrip-
lichen Monumente aufzuweisen hat, eine
Tatsache, mit der eben gerechnet werden
muß" (Sauer a. a. O.).

Kraus vergleicht die Neichenaner Wand-

gemälde mit den Fresken inAngelo in Formis
für seine Anschauungen, hat aber heftigen
Widerspruch besonders von Dobbert er-
fahren (s. Kraus, Knnstgesch. 2, 1, S. 66 ff.
und E. Gradmann, Christi. Kunstblatt
von Merz, 1896, Nr. 6). In den Werken
der Kunstgeschichte ist seither die Kunst
Noms als die Kunst der ganzen christ-
lichen Welt betrachtet worden. Die neueren
Forschungen betonen mit Recht den Ein-
fluß des Orients auf die abendländische
Kunst. Die Untersuchungen der alten
Fresken in der Kathedrale von Anagni
durch Treska und in Santa Maria
Antiqua ans dem Forum zu Nom durch
Wilpert werden über die Kreuzung alt-
christlich-römischer Malerei und byzanti-
nische Einflüsse neue interessante Nesnltate
ergeben. In Neichenan, Goldbach und
Burgfelden bewundern wir deutsche Wand-
gemälde der karolingisch-oltonischen Zeit,
welche einerseits mit der altchristlich-
römischen Malerei im Zusammenhang
stehen, in denen aber anderseits der Stofs
der Gemäldeszenen mit größrer drama-
tischer Lebendigkeit und Freiheit behandelt
wird. Sie bilden ein interessantes Ueber-
gangsstadinm zum nachfolgenden romani-
schen Stil. Kleinschmidt teilt deswegen
ganz richtig die gesamte Kunst des Mittel-
alters in seinem erst erschienenen vortreff-
lichen Lehrbuch der christlichen Kunstge-
schichte in drei Zeitabschnitte ein: die karo-
lingisch-ottonische Kunst von 800—1000,
die romanische Kunst von 1000 —1250
und die gotische Kunst von 1250 bis
1500.

Die Neichenaner Malerschnle der ersten
Periode lernen wir kennen in den Wand-
gemälden von Ober- mb Niederzell zu
Reichenau, Goldbach und Burgfelden.
Sie werden jeden Freund mittelalterlicher
Malerei für die Kunst der Söhne Pirmins
mit Bewunderung erfüllen!

Wie in Goldbach die Apostel ans Kar-
tons nenestens gemalt wurden vonKnnst-
m ater Viktor M e z g e r in Ueber-
lingen, so ist auch das Apsidialge-
mälde des jüngsten Gerichts in Reichen-
au-Nied erzell von demselben Künst-
ler 1907/08 restauriert und neu bemalt
worden.
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