Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

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Die letzten L^elfensteiner und das alte
Ave-UIariakirchlein im „Tale".

Beiträge zur Kunst- itnb Kirchen-
geschichte des oberen F i l s t a l s a u s
dem vatikanischen Archiv.

Von Dr. Anton Nägele, Niedlingen.

(Fortsetzung.)

Noch nnsführlicher als in diesem früher
nirgends verwerteten Protokoll (bei Branns-
berger, PZpist. et acta V (1910) 454 jetzt
zitiert) hat der Graf die Gründe seiner
Konversion in der sehr seltenen, von Branns-
berger in der Straßburger Priesterseminar-
bibliothek anfgefnndenen, 1567 gedruckten
Schrift dargelegt: De pia et salutavi
resipiscentia D. Ulrici comitis in
Helffenstain a Lutheri secta, cum
abiuratione Augustanae Confessio-
nis et reliquarum omnium hoereseon,
quae temporibus nostris extiterunt,
Coliectaneum. Antverpiae apucl
Sebastianum le Galois 1567 (f. Blllb
- Cb). Darin sind 17 Gründe angeführt,
die ihn zilm Rücktritt in den Schoß der
alten Kirche bewogen haben. In demselben
Sammelband f. A II a ßb ist ein Bericht
über die Konversion Ulrichs enthalten, der
von einem bedeutenden Mann, vielleicht
Markus Welser nach Brannsbergers Ver-
nnitnng, nach Briefen seines Freilndes
Friedrich Helmstein verfaßt istch. Sein
Neffe Schweikhard von Helsenstein hat in
der Vorrede zu seiner dentfchen Uebersetznng
der Werke des hl. Basilius, Ingolstadt
1591 f. 11 b, auch die Lesung der Schriften
dieses Kirchenlehrers, die er zu Lebzeiten
zum Teil habe vertentschen lassen, als ein
Motiv dargelegt. In einem Brief des
P. Hieronymus Natal, eines spanischen
Jesuiten, vom 7. Oktober 1568 wird als
Hanptanstoß die Anssage lutherischer Hexen
angegeben, daß sie nichts schaden können,
wo das Weihwasser der Papisten sei. Alls
das hin habe der Graf seine katholisch
gebliebene Schwester unt Sendung eines
gelehrten Mannes zu Verhandlungen über
die katholische Religion gebeten. Jedoch
geht ans des Canisins und des Grafen

st Beide Schristchen sind bereits 1567 in
Frankreich verbreitet und ins Französische über-
setzt worden. Recueil d’abiuration, Lyon;
Michel Jove 1567; deutsch bei Nuß: Die Kon-
vertiten seit der Nesormation. II 1866 S. 516 ff.

eigenen Worten und Schriften, zuverlässi-
geren Zeugen, hervor, daß das weder der
einzige noch zwingende Grund für seine
Konversion gewesen sein kann x). Natür-
licherweise hat vollends in jenen Tagen des
Ringens zweier Religionsbekenntnisse um
alten und neuen Besitzstand der Uebertrilt
des Grafen Ulrich, des Gornes Zuevus,
qui apucl Wirtembergensem primas
tust, vir summae potenciae et apud
Germaniae principes non exiguae,
authoritatis * 2), schon damals wie später
noch die verschiedenartigsten Beurteilungen
gefunden, die indes an diesen neu veröffent-
lichten Originaldokumenten ihre sicherste
Korrektur finden müssen^.

Wahrscheinlich gleichzeitig mit diesem No-
tariatsinstrnment wird ebenfalls währenv
dieser „ganz gefarlicher, thötlirher mtiiD
nnerckhanter Krankhait", wie es dort heißt,
eine andere Willenserklärung vom Grafen
Ulrich abgegeben und notariell aufgesetzt
worden sein, von der in unserer vatr-
kanischen Urkunde die Rede ist. Es ist
das Testament des Vaters, ans das sich
der Sohn Rudolf im Schreiben an den
Papst Klemens VIII. beruft und das die
Wiederherstellung der alten A v e-
Ma rin-Kapelle betrifft: „parens

meus in testamento suo . . . sacellum
memoratum .... restaurare curavit,
ita ut non exiguus haereticorum etiam
eo sit concursus.“ Also jedenfalls nach
der laut testamentarischer Verfügung des
konvertierten Vaters vollzogenen Restan-
riernng der Kapelle fand solcher nicht ge-
ringe Znlanf zur Wallfahrtskirche selbst
seitens Andersgläubiger statt. Vermutlich
wurde diese erst nach dem Tod des Vaters
von Rudolf von Helfenstein, dem Bitt-
steller, durchgefühlt, und wir können uns
die Vollendung der vom letzten väterlichen
Willen diktierten Restauration ivohl als
Veranlassung denken, das Oberhaupt der
katholischen Kirche in Rom um Verleihung
von Ablässen für die Besucher des
wiedererstandenen Heiligtums anzngehen.

Im letzten Abschnitt des Original-
dokuments erhalten wir einen willkommenen

b Epistulae et Acta V p. 781.

2) So in dem von Brannsberger V (1910)
S. 788 heransgegebenen vierten Wiesensteiger
Doknment von April oder Jnni 1567.

s) Vgl. Epistulae et Acta Canisii V S. 787.
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