Archiv für christliche Kunst: Organ des Rottenburger Diözesan-Kunstvereins — 29.1911

Seite: 97
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lserausgegebeu und redigiert von Universitäts-Professor Or. L. Laur in Tübingen.
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Kommissions-Verlag und Druck der Aitien-Gcsellschaft „Deutsches Volksblatt" in Stuttgart.

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Einige kritische Randbemerkungen
zur Ausstellung kirchlicher Kunst
Schwabens und zur General-
versammlung des Diözesankunst-
vereins

Von Prof. Dr. 2. B a u r, Tübingen.

Nicht einen Ansstellnngsbericht wollen
wir schreiben, auch nicht in eine Be-
sprechung der ausgestellten Gegenstände
eintreten: nnr einige kritische Nandbemer-
knngen über die Ausstellung im allge-
meinen beabsichtigen wir zn geben.

Die Kgl. Zentralstelle für Gewerbe und
Handel veranstaltete in diesem Jahre in
Stuttgart eine Ausstellung kirchlicher Kunst
Schwabens, deren Durchführung demLan-
desgewerbemnsenm und ter Banberatnngs-
stelle in Stuttgart überlragen wurde. —
Es dürste hier nicht unwichtig sein zn be-
tonen, daß die Seele des Ganzen Pro-
fessor Pazanrek war, ein Umstand, der
seinen Worten auf der Generalversamm-
lung des Diözesankniistvereins noch eine
besondere Note gibt. Nach bent „Kata-
log", der eigentlich kein Katalog istH,
„handelte es sich hauptsächlich darum, die
große Bedeutung, welche die Kirchen und
kirchlichen Gesellschaften (sic!) seit jeher
dem Knnstgewerbe zngewiesen haben, ent-
sprechend zur Darstellrrrig zn bringen!
— Malerei und Großplastik sollterr als

1) Von einem „Katalog" muß vor allem ver-
langt werden, das; ein objektives Verzeichnis der
ausgestellten Kunstgegenstände dargrboten werde.
Hier iverden uns in zrrsanunenfassendrn Neberblickrn
und programmatisch genreinten Sätzen die Brillen-
gläser geschliffen, mit denen ivir die Ausstellung
airseherr sollen.

in das Arbeitsgebiet anderer würltember-
gischer Anstalten fallend ausgeschieden mtb
der Hanplnachdrnck ans Baukunst und
Knnstgeiverbe gelegt werden."

Diese programmatische Einschränkung
ist allerdings nachträglich doch nicht ganz
durchgesührt worden, insofern auch —frei-
lich verhältnismäßig wenige — plastische
Arbeiten in der alten und neuen Ab-
teilllng (eine sehr ansprechende schöne
Mnttergotlesstalne für den Altar der „ka-
tholischen Kapelle" von Max Seibolo,
nebst einer zweiten kleineren desselbeil
Künstlers), Werke der Altarplastik und
Kruzifixe, ein größeres Steinrelief n. a.
sowie einige Malereien (Fresken) von
Kaiser in Iggingen hereingenominen wur-
den und das ursprüngliche Programm
also nachträglich geändert worden zn sein
scheint.

Die Ausstellung selbst zerfiel in zwei
Teile: einen retrospektiven (geschichtlichen),
der entzückend schöne und, wie der „Kata-
log" mit Recht hervorhebt, großartige
Leistungen enthielt, deren künstlerischer
Wert ihrem Materialwert gleichkommt,
und einen modernen Teil.

Eine solche Gegenüberstellung ist in der
Tat lehrreich und dankenswert. Sie zeigt
dem Beschauer nicht nnr zur Evidenz
die künstlerische Snperiorität des dem
Spätmittelalter und der Barockzeit an-
gehörenden Knnstgewerbes, sondern stellt
auch die Tatsache unwiderleglich fest, die
im „Katalog" und in der Rede des Herrn
Professors Pazanrek immerhin zart an-
! gedeutet rvnrde: daß nichts anderes als
die Säkularisation und die bureankratische
„Behandlung" der kirchlichen Knnstgegen-
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